Bild, Geste und Hand Leroi-Gourhans paläontologische Bildtheorie

Von Toni Hildebrandt | In Le geste et la parole (1964), dem Hauptwerk des französischen Paläontolo-gen André Leroi-Gourhan, findet sich eine erstaunliche Beobachtung von bildtheoretischer Relevanz: am Anfang der Figuration steht die zeichnerisch-abstrakte Geste des homo pictor. Leroi-Gourhan rekonstruiert den Ursprung der Bilder folglich aus einer emergenten »Geburt des Graphismus«. Im Ausgang von Leroi-Gourhans impliziter Bildtheorie lassen sich mit der Dekonstruktion des Zeichnens (Derrida/Nancy), der Anthropologie des kommunikativen Handelns (Tomasello) und der Technikphilosophie des exteriorisierten Artefaktes (Stiegler) wichtige Positionen der gegenwärtigen Diskussion um den Ursprung von Bildlichkeit, Sprache, Technik und Medialität auf eine frühe paläontologische Fundierung des philosophischen Paradigmas der Geste gründen.

Phänomenologie, Semiotik und Bildbegriff: Eine kritische Diskussion

Von Matthias Händler | Dieser Beitrag diskutiert den phänomenologischen Bildbegriff von Lambert Wiesing. Zunächst wird dessen Position ausführlich präsentiert, um anschließend mit Hilfe der Semiotik und der Kommunikationswissenschaft die Schwachpunkte und (terminologischen) Probleme dieser Form der Bildtheorie aufzuzeigen. Aus dieser Diskussion heraus versucht der Aufsatz eine These zur Beantwortung der Frage »Was ist ein Bild?« zu entwickeln.

McLuhans „global village“ und Enzensbergers „Netzestadt“ – Untersuchung und Vergleich der Metaphern

Von Sandy Rücker | Aufgrund der rasanten Entwicklung im Bereich der Medien in den letzten Jahrzehnten und der daraus resultierenden globalen Vernetzung wurden und werden noch immer zahlreiche Metaphern geprägt, welche diese Zusammenhänge wiedergeben. Dieser Beitrag kontrastiert zwei dieser Metaphern, nämlich das berühmte globale Dorf von Marshall McLuhan und die Netzestadt von Hans Magnus Enzensberger. Dabei werden die beiden Metaphern zunächst getrennt voneinander untersucht und anschließend miteinander verglichen, wobei herausgearbeitet wird, in welchen Publikationen und Kontexten die Metaphern jeweils verwendet werden, worauf sie sich beziehen und wie sie konnotiert sind.

Affekte und Emotionen als Grundlage von Weltverstehen Zur Tragfähigkeit des kulturanthropologischen Ansatzes Ernst Cassirers in den Bildwissenschaften

Von Martina Sauer | Affekte und Emotionen scheinen für das Verstehen von Welt grundlegender zu sein als vermutet. Die Wahrnehmung, so Cassirer, ist von ihnen maßgeblich geprägt. Im Anschluss an Cassirer und in Erweiterung der aktuellen anthropologisch orientierten bildwissenschaftlichen Forschung lässt sich aufzeigen, dass auch das Wahrnehmen und Produzieren von Bildern insbesondere der Kunst von ihnen beeinflusst sind und letztlich zu einen Dialog über die von ihnen geprägten Inhalte veranlassen können.

Das Bewusstsein im Schlaf – Über die Funktion von Klarträumen

Von Jakob Sauerwein | Träumen zählt zu den Phänomenen, die alle Menschen gleichermaßen miteinander teilen, unabhängig vom ethnologischen und kulturellen Hintergrund. Dass sich die bekannteste Art zu Träumen, das Phänomenalträumen, in eine höhere Bewusstseinsebene übertragen lässt, wissen dabei nur die wenigsten. Es bietet sich im Phänomenaltraum die Möglichkeit seine eigene Passivität zu überwinden und in einen aktiven Traumzustand, den Klartraum, zu gelangen. Dort entfaltet sich die volle Kapazität menschlicher Kreativität. Der Nutzen des Phänomenalträumens wurde vor allem von Freud und Jung in der Möglichkeit zur Psychoanalyse gesehen. Anhand der Träume wurde versucht, Rückschlüsse auf das Wachleben des Träumers zu ziehen und davon eventuelle Therapieansätze zur Heilung von Psychosen abzuleiten. Diese Funktionen des Phänomenaltraums lassen sich nicht auf den Klartraum übertragen. Die Struktur und Beschaffenheit dieser lebhaften Träume ermöglicht einen praxisorientierten Blick auf einen Nutzen für das Wachleben.

Von Katastrophen und ihren Bildern

Von Martin Scholz | Können Bilder eine Vorstellung von Zukunft vermitteln? Können sie dieses nicht nur in der bekannten, Katastrophen aufplusternden Weise, sondern in einer, die positiven Aspekte von Veränderung zeigenden Form? Die Lebensbedingungen vieler Menschen, insbesondere in den Entwicklungsländern, ändern sich rapide, die materiellen und kulturellen Grundlagen eines einvernehmlichen und gedeihlichen Miteinanders auf diesem Planeten schwinden. Dieses Themenheft fragt nach den grundsätzlichen und speziellen Möglichkeiten von Bildern zur Begleitung und ggf. positiven Veränderung des kulturellen Transformationsprozesses. Hierbei werden insbesondere die genuine Kommunikation mit Bildern sowie die Entwicklung eines kollektiven visuellen Referenzrahmens, diskutiert.

Im Schatten der Utopie Zur sozialen Wirkungsmacht von Leitbildern kultureller Transformation

Von Stephan Rammler | Wo die lähmende Routine des apokalyptischen Diskurses nicht genügend inneren Schub erzeugt um vom Wissen zum Handeln zu kommen, vermag vielleicht die Vorstellung einer positiven Zukunft verlocken, den Weg von der Phantasie zur Änderung des individuellen Verhaltens und schließlich zur sozialen Bewegung zu beschreiten und politisch zu werden. Dieser Artikel fragt nach der Wirkungskraft von Leitbildern für die Gestaltung der fundamentalen Transformation unserer modernen Kultur. Zu diesem Zweck wird der bislang wenig bestimmte Begriff der kulturellen Transformation diskutiert, die wahrnehmungs- und handlungsleitende Funktion von zukunftsbezogenen Narrativen reflektiert und in einem politiktheoretischen Zusammenhang betrachtet. Den Abschluss bilden Gedanken über Anforderungen an zukunftsbezogene Erzählungen, die Kontexte ihres Entstehens und der Methoden ihrer ›Erzeugung‹ und Kommunikation in inter-disziplinären und partizipativen Prozessen.

Zukunftsbilder Einige begriffliche Anmerkungen

Von Klaus Sachs-Hombach | Der folgende Artikel reflektiert über den Begriff der Zukunftsbilder und schlägt als begriffliche Explikation vor, Zukunftsbilder als spezielle fiktionale Bilder aufzufassen, deren spezifische Differenz in der intendierten zukünftigen Referenz liegt. Zukunftsbilder stellen zukünftige Sachverhalte demnach mit dem Anspruch dar, dass sie einmal real sein werden oder zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit real werden könnten. Der damit erhobene Erkenntnisanspruch muss sich aus den Bildverwendungsbedingungen herleiten lassen und den Betrachtern auch kommunikativ angezeigt werden.

Sternenkind Vom Transformatorischen, Nützlichen, dem Fötus und dem blauen Planeten.

Von Rolf Nohr | Die Frage nach dem transformatorischen Potential der Bilder wird am Beispiel des Bildes vom blauen Planeten und den Föten-Bilder Lennard Nilssons und der Pränataldiagnostik nachgegangen. In einer diskurstheoretischen und ideologiekritischen Lesweise von sogenannten ›nützlichen Bildern‹ wird nach einem Bedeutungsüberschuss gesucht, an dem sich ein solcher (eigentlich unmöglicher) transformatorischer Moment festmachen lassen könnte.