Von Martina Sauer
Abstract
Referring to Marshall McLuhan, it can be confirmed that new media have altered the role models for women (and men). A comparison of two protagonists, the performer Jana Sterbak (1987) and the musician Lady Gaga (2010), illustrates this change, as well as the shift in storytelling from the factual to the post-factual age. The anger expressed by women in the 1980s and 1990s about their own behaviour is changing in the 2010s. It is being replaced by serenity. A game with mental images begins, in which, on the one hand, femininity is accepted and, on the other hand, it is playfully varied and expanded. Media-theoretical and socio-philosophical positions from Kant to the present provide the basis for comparison. In the spirit of ‘storytelling forever,’ it becomes clear that rules and role models have always shaped us. However, this does not preclude change. It is precisely this playful, carefree, post-factual approach that enables us to play with them more freely and carefree.
Einleitung
Selbst inszenierte öffentliche Auftritte von Frauen in Kleidern aus rohem Fleisch, das klingt skandalträchtig. Können diese Inszenierungen, als Erzählungen bzw. Storytelling verstanden, Auskunft über das Selbstverständnis von Frauen geben? Mit der Beteiligung am Symposium zum Storytelling/Transdisziplinär der Münster
School of Design im Mai 2024 gewann diese Fragestellung an Kontur und ist Thema dieses Beitrags.[1] Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang vor allem die Pop-Ikone Lady Gaga, die mit ihrem Erscheinen im meat & dress am 12. September 2010 bei den MTV Video Music Awards-Preisverleihung an sie im Nokia Theater in Los Angeles internationales Aufsehen erregte und das nicht nur in der Musikszene, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit. Nach der Bedeutung dieses Auftritts zu fragen, erweist sich umso spannender, wenn die vorausgegangene Inszenierung von meat & dress aus den 1980er-Jahren durch die Performance-Künstlerin Jana Sterbak zum Vergleich hinzugezogen wird.[2] Kupfert Lady Gaga nur eine Idee ab und nutzt sie, um ihren Auftritt in ein Spektakel zu verwandeln? Kommt es damit im Vergleich zu Sterbak tatsächlich zu einem Bedeutungsverlust, weil ihr Auftritt „in seichtes Wasser“ führt, wie es Ashley Seashore im irischen Lifestyle Magazine The Gloss herausstellt (Seashore 13.09.2010)?
Die Betrachtung beider Inszenierungen von meat & dress soll dieser Annahme entgegen zeigen, dass die Frage nach dem, was den Körper der Frau bzw. das Selbstbild der Frau ausmacht, mit Lady Gaga keinen Bedeutungsverlust,
sondern einen Bedeutungswandel erfährt, der als charakteristisch für das postfaktische Zeitalter anzusehen ist. Doch was macht diesen Wandel aus? Was hat sich verändert?
Vor dem Hintergrund theoretischer Forschungen zu Rollenbildern bzw. Regelwerken in Gesellschaften in der sozialwissenschaftlich orientierten Philosophie gewinnen diese Fragen an Brisanz. Sie bestätigen, was viele vielleicht schon ahnen, dass dem Wandel stets das Beharren an Bestehendem entgegensteht. Das Phänomen zu beschreiben und Wege daraus aufzuzeigen, wurden in den 1930er-Jahren sowohl im deutschsprachigen als auch im englischsprachigen Raum nachgegangen. Hierfür sind insbesondere die Forschungen der Frankfurter Schule, vor allem von Walter Benjamin von Interesse und parallel diejenigen aus der Frame Theory, wie sie Gregory Bateson einführte. Im Anschluss an den Poststrukturalismus in Frankreich sind es konkret mit Blick auf das Rollenbild von Frauen die Forschungen des Postfeminismus seit den 1970er-Jahren, die für die hier gestellten Fragestellungen aufschlussreich sind. Ohne je ausgesprochen worden zu sein, machen all diese Forschungen indirekt deutlich, was oben angedeutet wurde: Rollenvorstellungen und -ordnungen lassen sich als ein Grundzug des Menschen verstehen. Sie betreffen auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Hieran anschließend wird in diesem Beitrag von einem ´Storytelling forever´ ausgegangen (vgl. ergänzend zu den kulturanthropologischen und kognitionswissenschaftlichen Grundlagen: Sauer 2025 forthc.). Zugleich schließt dieser Befund einen Wandel im jeweiligen Selbstverständnis nicht aus. Doch was kann dazu veranlassen, dass sich Traditionen und Rituale ändern, die die gesellschaftlichen Ordnungen und damit uns alle prägen? Grundsätzlich gegen mögliche Veränderungen im Rollenverständnis sprechen, dass die Regeln und Ordnungen für uns – wie ich es an anderer Stelle herausgearbeitet habe – je ein Versprechen auf Glück und Sicherheit in der Gemeinschaft bergen, und daher für ein Festhalten an ihnen sorgen (vgl. Sauer 2023b). Wege daraus wurden in der Philosophie bereits früh gesucht. Neben Immanuel Kant (1784) und Benjamin (1936) ist es der Ansatz von Judith Butler (1993), wie nachfolgend gezeigt werden soll, die hierzu Vorschläge unterbreiten. Dass dieser Wandel tatsächlich eintritt, hat prophetisch als einer der ersten Marshall McLuhan (1964) aufgezeigt. Für ihn spielen die ‘Neuen Medien’ dabei eine zentrale Rolle. Es ist schließlich Hartmut Böhme, der 2006 in neuer Weise die sich vollziehenden Veränderungsprozesse und deren Charakter beschreibt. Diese Positionen aus den sozialwissenschaftlich orientieren Ansätzen heranzuziehen und im Zusammenhang mit dem beobachtbaren Wandel, wie er sich im Umgang mit meat & dress bei Jana Sterbak hin zu Lady Gaga vollzieht, soll der Beitrag leisten.
Das erste Kapitel widmet sich entsprechend dem Vergleich beider. Er beruht auf der Ausdifferenzierung der medialen Inszenierung und der jeweiligen Sinne, die mit ihr angesprochen werden. Welche Bedeutung über das Storytelling bzw. Selbstbild der Frau je vermittelt wird, ist Thema des zweiten Kapitels. Der Wandel von der Wut über sich selbst bzw. über das Selbstverständnis der Frau in den 1980er-Jahren hin zum Spiel mit diesem Selbstbild in den 2010er-Jahren steht darin im Mittelpunkt. Zur Vertiefung folgt im dritten Kapitel, die angekündigte Auseinandersetzung aus theoretischer Perspektive zum Storytelling allgemein und der Geschlechter insbesondere. Im letzten Teil werden die Einsichten in einem Fazit verdichtet und ein Ausblick gegeben.
1. Zu den Inszenierungen des Selbstbildes von Frauen über meat & dress in den 1980er- und 2010er-Jahren
Im Outfit unterscheiden sich Jana Sterbak 1987 und Lady Gaga 2010 nicht. Rohes Rindfleisch dient ihnen je als ‚Stoff’ für ihr Kleid. So besteht eine vergleichbare Ausgangsposition. Dennoch, Zeit, Ort, Inszenierungsweise, Publikum, Dokumentation und schließlich das Design bzw. die Form und der ‚Titel’ ihrer Kleider unterscheiden sich bei näherer Betrachtung erheblich. Der entscheidende Motor für Veränderung und damit für den Wandel im Storytelling des Vorstellungsbildes der Frau im Verhältnis zu ihrem Körper, so der hier zugrunde gelegte Ausgangspunkt, bilden die technologischen Entwicklungen und die erweiterten Möglichkeiten zur Verbreitung über die ‚Neuen Medien’. Denn über sie vermag nicht nur ein größeres und breiteres Publikum angesprochen, sondern vor allem dessen Erregungspotential über das erweitere Spektrum sinnlich organisierter Inszenierungen verstärkt entfacht werden.[3] Bei der Transformation des Rollenbilds von Frauen (und Männern) vom faktischen zum postfaktischen Zeitalter ab dem 21. Jahrhundert ist dieser technische Fortschritt zentral. Durch den konkreten Vergleich soll der beobachtbare Wandel im Selbstverständnis der Frau exemplarisch durch die Selbstinszenierung der zwei Künstlerinnen im meat & dress in den 1980er-Jahren und den 2010er-Jahren aufgezeigt werden.
1.1 Jana Sterbak: meat & dress, 25 kg Rindfleisch
Jana Sterbak ist eine tschechisch-kanadische Künstlerin, die 1955 in Prag geboren wurde und heute in Kanada lebt. 1990 vertrat sie Kanada auf der Biennale in Venedig. Bei ihrem Werk von 1987 Vanitas. Fleischkleid für einen magersüchtigen Albino handelt es sich um eine mehr oder weniger statisch organisierte Installation. Sie wurde erstmals in einem ‚White Cube’, einem gleichmäßig belichteten Raum, in der Galerie René Blouin in Montreal aufgebaut. Die Installation besteht aus einem sorgfältig designten Fleisch-Kleid aus 25 kg gesalzenem Rindfleisch mit tiefem Brustausschnitt und üppig überlappendem Fleisch bis zu den Waden, das an einem Bügel hängt und langsam, bis es braun und übelriechend wird, zerfällt. Im Rahmen der ersten Ausstellung wurde es entsprechend einmal ausgetauscht. Teil der Installation ist zudem eine in einem Foto dokumentierte Performance, in dem die Künstlerin das Fleisch-Kleid präsentiert. Zu sehen ist darauf die Künstlerin in ihrem Kleid ohne sonstige Accessoires wie Kopfbedeckung, Schuhe, Schmuck oder Schminke halb liegend auf einem edlen Holzboden. (Abb. 1)

Abb. 1:
Jana Sterbak, Vanitas, Fleischkleid für einen magersüchtigen Albino, 1987
Galerie René Blouin, Montreal: Foto der Performance der Künstlerin, edition of 2, Walker Center, Minneapolis und Centre Pompidou, Paris © Dress & Foto: Jana Sterbak (fair use free)

Im Gegensatz zur Inszenierung von meat & dress von Lady Gaga ist ausschließlich die Künstlerin für das Design und die Inszenierung verantwortlich. Daneben liegt auch das Copyright für das Foto allein bei ihr. Der oder die Fotografin ist unbekannt. Das Foto selbst wurde von Sterbak in einer Edition von zwei aufgelegt und damit die Verbreitung künstlich verknappt. Eines ist im Besitz des Walker Center in Minneapolis, das andere gehört dem Centre Pompidou in Paris. Die Nutzungsrechte für Dritte sind erheblich eingeschränkt. Die mediale Verbreitung selbst ist hier – entsprechend den Möglichkeiten in den 1980er-Jahren – weitgehend begrenzt. Sie besteht im Wesentlichen in der jeweiligen Neupräsentation an verschiedenen Orten, zum Teil mit Katalog und aus deren Berichterstattung in den Printmedien sowie in jüngerer Zeit, und damit nachträglich, aus Referenzen im Netz. Für jede nachfolgende Ausstellung wurde jeweils ein neues Fleisch-Kleid gefertigt und einer Schaufensterpuppe übergezogen. Wobei die Lebensdauer von der Länge der Ausstellungsdauer abhängt, jedoch erheblich durch die professionelle Aufarbeitung und das Salzen verlängert wurde.
Mit der ersten Retrospektive in Kanada, in der National Gallery Ottawa Jana Sterbak: States of Being 1991 setzte eine heftige Kontroverse ein, die bis auf Parlamentsebene stattfand.[4] Im deutschsprachigen Raum wurde die Künstlerin vor allem über ihre Retrospektive 2017 mit Titel Life Size. Lebensgröße im Lehmbruck Museum in Duisburg und im Taxispalais in Innsbruck bekannt.[5]
1.2 Lady Gaga: meat & dress, 25 kg Rindfleisch
Lady Gaga ist eine US-amerikanische Sängerin, Songwriterin und Schauspielerin, die 1986 als Stefani Joanne Angelina Germanotta in New York geboren wurde. Mit ihrem Debütalbum The Fame gelang ihr 2008 der internationale Durchbruch. Nachfolgend avancierte sie, befördert durch ihre schrillen Outfits, zur Pop Ikone und zählt heute mit 200 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten. Zentral für den Vergleich mit Sterbak ist ihr Auftritt am 12. September 2010 im meat & dress zur live übertragenen Preisverleihung an sie für das Video des Jahres Bad Romance aus ihrem zweiten Album The Fame Monster im Rahmen der MTV Video Music Awards[6] im Nokia Theater in Los Angeles. Im Rampenlicht auf schwarzer Bühne trat sie dort vor Publikum in einem Fleisch-Kostüm aus 25 kg rohem Rindfleisch auf. Entworfen wurde es im Gegensatz zu Sterbak nicht von ihr selbst, sondern von ihrem ‚Hausdesigner’ Franc Fernandez und dem Modestar Alexander McQueen.
Ihr Outfit besteht neben dem offenherzigen Fleischkleid zudem aus einer Kopfbedeckung und hohen Schnürstiefeln aus Fleisch. Viel Schmuck und eine auffällige Haargestaltung in Weiß und Blau und Schminke runden das Erscheinungsbild ab. Während ihres Auftritts ist sie immer in Bewegung, wobei sie dabei das vorne schlichte und an den Beinen freie und hinten wie aus Fetzen bestehende Fleischkleid durch gezielte Gesten in Szene setzt. Schon bei ihrem Aufstieg zur Bühne wirft sie zur Begrüßung Küsse ins Publikum, umarmt die Moderatorin des Abends, die Sängerin Cher, und übergibt ihr dabei ihre ‚Clutch’ bzw. die kleine Fleischhandtasche. Schließlich intoniert sie nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, Bad Romance, sondern singt mit der Trophäe in der Hand im meat & dress den Refrain aus dem Lied Born This Way: „I’m beautiful in my way, ’cause God makes no mistakes; I’m on the right track, baby, I was born this way” (Lady Gaga 12.9.2010).[7] Damit stimmt sie einen Song an, der erst ein Jahr später, am 11. Februar 2011 als Single Version und 28. Februar 2011 als offizielle Video-Version sowie mit der Veröffentlichung des gleichnamiges Album am 23. Mai 2011 herauskommt und nachfolgend die Charts stürmen wird (Abb. 2).[8]
Abb. 2:
Lady Gaga, MTV Video Music Awards für Bad Romance in Los Angeles, Nokia Theater, 12.09.2010, meat-dress von Franc Fernandez und Alexander McQueen
Foto © Mike Blake, Reuters (frei)

Die Liveübertragung ihres Auftritts ist heute noch in zahlreichen Varianten und Kommentaren auf YouTube nachvollziehbar. Parallel wurde das Event in Fotos von internationalen Fotografen festgehalten. Es ist insbesondere die Agentur Reuters, die ihre Fotos nicht nur auf der Homepage von Lady Gaga, sondern auch auf den bekannten social media-Plattformen wie YouTube, Instagram etc. eingestellt hat und bis heute kostenfrei zur Verfügung stellt. Zur Verbreitung des Events trägt darüber hinaus die seit 2009 bestehende Fanseite Fandom Gagapedia bei, mit bis dato 7641 Beiträgen. Darüber hinaus finden sich bis heute Kommentare im Netz zu ihrem Auftritt im Fleisch-Kostüm.[9] Erst mit dem Auftritt Lady Gagas und dem Skandal oder der Furore, die sie auslöste, lebte umgekehrt das Interesse an Jana Sterbaks Inszenierung aus den 1980er-Jahren neu auf.[10]
Inwiefern ihr Auftritt letztlich ein anderes Grundverständnis von Frausein bzw. allgemein von Menschsein widerspiegelt und als Ausdruck des postfaktischen Zeitalters zu verstehen ist, zeigt sich, wenn ergänzend die ‚Maßnahmen’ und thematischen Erweiterungen Lady Gagas zum meat & dress-Auftritt miteinbezogen werden. Über sie wird das Thema in einen breiteren Kontext gestellt. Hierzu zählt, dass bereits zuvor und danach, konkret seit Mitte 2010 bis Mitte 2013 bzw. letztlich bis heute, das Ereignis in Varianten und Ergänzungen multimodal und multimedial u. a. im meat-bikini und in Verbindung mit der internationalen Konzerttournee zum Song und Album von Born This Way im meat-leotard und meat-Ball gown weitergetragen wird. Dazu zählt auch ihr zeitgleicher Auftritt bzw. ihre Selbstdarstellung als introvertiertes Alter-Ego ihrer selbst, als Jo Calderone. In Print-Medien und im Netz und durch den Auftritt bei den Preisverleihungen zu den MTV Video Music Awards ein Jahr später, 2011, erweitert sie mit dieser letzten Facette ihrer selbst das Spektrum der Deutungsmöglichkeiten. Die einzelnen Aspekte werden im nachfolgenden Kapitel zur Deutung näher vorgestellt.
Hier gilt es zunächst zusammenfassend festzuhalten, dass der Auftritt bei den MTV Video Music Awards am 12. September 2010 sich vor diesem Hintergrund als der Höhepunkt der Gesamtinszenierung kennzeichnen lässt. Wesentlich für das Verständnis ist dafür die Verbindung von meat & dress und dem Song, dem Album und der Konzerttournee Born This Way. Wie wichtig der Musikerin über die Frage nach dem Selbstverständnis als Frau hinaus, das Thema Akzeptanz von Vielfalt bzw. Diversität ist, zeigt sich ergänzend noch vor dem Konzertstart in der Gründung der Born This Way Foundation (BTWF) gemeinsam mit ihrer Mutter Cynthia Germanotta als Präsidentin am 29. Februar 2012 an der Harvard University, die bis heute tätig ist.[11]
2. Von der Wut zum Spiel: Zum Wandel der Aussagekraft von meat & dress über das Selbstbild von Frauen vom faktischen zum postfaktischen Zeitalter
2.1 Von der Wut: Jana Sterbak, Vanitas. Fleischkleid für einen magersüchtigen Albino, 1987
Mit dem ersten Teil des Titels für ihre Installation von meat & dress 1987 Vanitas bezieht sich Sterbak mit Blick auf die Bedeutung des Begriffs auf die Vergänglichkeit alles Irdischen oder auch die Abkehr von der Eitelkeit, wie sie vor allem in der Holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts Thema war. Beides drückte sich nicht nur in hängendem, rohem Fleisch wie bei Rembrandt, sondern auch in der Darstellung von brennenden Kerzen und Totenschädeln, aber auch in wertvollen, von Luxus sprechenden Zitronen aus, die wie jeder Tand vergänglich sind. Im christlich-jüdischen Sinn sind diese Objekte als Memento Mori zu verstehen mit der inhärenten Botschaft: ‚Bedenke, dass du stirbst’. Nach christlichem Verständnis müssen sich alle, spätestens mit dem Jüngsten Gericht, so der Grundgedanke, ihren Taten stellen und steigen nach Abwägung durch den Erzengel Michael entweder in den Himmel auf oder fahren zur Hölle.
Mit dem zweiten Teil, dem Untertitel Fleischkleid für einen magersüchtigen Albino erfolgt eine Konkretisierung des Themas im Hinblick auf das Selbstverständnis von Frauen: Vor diesem Hintergrund bezeichnet Sterbak ihre Arbeit als ein „moralisches Werk“ (Ferguson/Nairne 1988: 67).[12] Konkret finden sich in dieser Ergänzung in Verbindung mit dem ersten Teil des Titels, Hinweise auf die Vergänglichkeit der Schönheit, der äußeren Hülle und lässt sich damit zugleich als eine Mahnung an Frauen verstehen, nicht der Magersucht als Anbiederung an ein Schönheitsideal zu verfallen.
Auffällig ist bei dieser Auslegung hier durch mich, dass sie denjenigen widerspricht, die führende Forscherinnen des Feminismus aus den 1980er- und 1990er-Jahren aufzeigten. Mit Blick auf Sterbaks Werk spricht etwa Nancy Spector davon, dass das wahrnehmbare Schwinden des Körpers durch das Aushungern, auf die Unfähigkeit oder Verweigerung der Frauen hinweise, sich den unausgesprochenen Forderungen der Zeit an sie zu entziehen. Das Werk lässt sich insofern als eine Anklage von Frauen an Frauen verstehen, sich den Anforderungen „unserer Kultur an Frauen nach Selbstbeherrschung, Fügsamkeit, maßvollem Ehrgeiz, mütterlichen Bestrebungen und körperlicher Perfektion“ zu verweigern. So zeuge das Werk von „a certain rage“ (Spector 1992: 2, „einer gewissen Wut“),[13] sei es – mit Blick auf das zuvor Geäußerte – auf das Versagen von Frauen sich von den Forderungen an sie zu distanzieren oder sei es darauf, als Frau durch Frauen und Männer auf eine Rolle reduziert zu werden und damit austauschbar zu sein. Mit dieser doppelten Aussagerichtung treffe sich Sterbak mit anderen weiblichen Künstlerinnen wie etwa Cindy Sherman und Rosemarie Trockel. Aus dieser Perspektive lässt sich das Werk als eine Form der Selbstkasteiung und insofern als ein Zeichen des Aufbegehrens und der Wut über das eigene Versagen verstehen. Statt sich dem Rollenbild anzupassen, hebe es darauf ab, die Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen und den eigenen Wünschen und Bedürfnissen, eine Rolle erfüllen zu wollen, zu widerstehen (vgl. ebd.: 1–6). Wie schwierig letzteres ist, stellt Susan Bordo heraus. Denn der Körper unterliege der sozialen Kontrolle, die Entscheidungen, wie ‚er’ auftritt erfolge unbewusst, insofern sei er mit Bourdieu „a made body“ (Bordo 1989: 13, ein geschaffener Körper, kursiv im Original). Wobei die Regeln, welche je angemessen für Frauen (und Männer) sind, vor allem über Bilder vermittelt werden. Sie betreffen die Wahl der Kleider, ihre Gestalt, Mimik und Bewegungsweise sowie ihr Verhalten (vgl. ebd.: 17). Mit der eigenen – eingangs vorgestellten – Deutung schlage ich dagegen leisere Töne an, in denen weniger Selbstkasteiung und damit Wut und Aufbegehren anklingen als das Leid der Frauen. Das Individuum rückt damit in den Fokus. Vor diesem Hintergrund lässt sich das Werk vielmehr als eine Mahnung an junge Frauen verstehen, sich dem Schönheitsideal zu entziehen. Diese Sichtweise entspricht letztlich, wie sich zeigen wird, bereits einem Wandel im Selbstverständnis von Frauen und damit viel mehr derjenigen, wie sie im postfaktischen Zeitalter auffällig wird.
2.2 Zum Spiel: Lady Gaga, o.T. / Born This Way, 2010 bis 2013 (bzw. bis heute)
Grundlegend gilt: dem von Sterbak repräsentierten Selbstbild als Frau – aus den 1980er- und 1990er-Jahren – verweigert sich Lady Gaga mit ihrem Ansatz in den 2010er-Jahren vollständig. Im Gegenteil, sie nimmt ihr Frausein an, spielt kokett mit der Idee des Fleisches und erkennt damit die eigene Libido an. Damit verweist sie auf sich selbst als ein Individuum statt auf ein Rollenbild, dem es mit Sterbak zu widersprechen galt. Statt Selbstkasteiung setzt sie auf Bejahung. So fordert sie weder eine Anpassung noch eine Ablehnung von Schönheitsvorstellungen. Selbstbewusst, sich selbst liebend, durch andere geliebt werdend, stellt sie sich nicht infrage durch Vorgaben aus gesellschaftlichen Rollenmodellen und damit von kulturell geprägten Diskursen, wie sie noch in den 1980 und 1990 Jahren formuliert wurden. Mit den spielerisch-leichten und im meat & dress zugleich provozierenden Auftritt und der Annahme der Trophäe als beste Künstlerin sowie dem Anstimmen des Refrains des Songs Born This Way verleiht sie der von ihr vertretenen Auffassung Leben und Bedeutung. Es ist der Titel und der Inhalt des Songs, der sich mit dem Auftritt als ‚Titel’ bzw. Thema ihres Werks bzw. der Inszenierung von meat & dress verstehen lässt. So ist die Inszenierung selbst und das über sie vermittelte Thema Born This Way, so die hier verfolgte These, die das veränderte Selbstbild der 2010er-Jahre bzw. des postfaktischen Zeitalters widerspiegeln. Mit dem Postfeminismus, wie ihn Rasalind Gill bespricht, geht es um die Möglichkeit, Widersprüche und Ungereimtheiten in der Darstellung von Frauen verständlich zu machen und sich nicht auf eine singuläre Vorgabe normativer Weiblichkeit zu beschränken und stattdessen einen Sinn für weibliche Autonomie, Handlungsmacht und Wahlmöglichkeiten aufzuzeigen (Gill 2018: Einleitung).[14] Methodisch und inhaltlich verfolgt Lady Gaga entsprechend einen neuen Weg. Hierin lassen sich Ansätze der Philosophin Judith Butler erkennen, indem Lady Gaga den Diskurs und den im unterliegenden Stereotyp spielerisch-leicht „umdeutet“ (Butler 1993: 128–129): Im Refrain des Songs Born This Way, den sie mit dem Auftritt im Fleisch-Kleid vorstellt, bringt sie das zum Ausdruck. Darin heißt es mit Blick auf die wörtlich genommenen nackten fleischlichen Tatsachen ihres Auftritts: So sind wir geboren / „we are born this way“[15] – egal welchem Geschlecht und Glauben wir angehören oder woher wir stammen:
I’m beautiful in my way‘Cause God makes no mistakes
I’m on the right track, baby
I was born this way
Don’t hide yourself in regret
Just love yourself and you’re set
[…]
No matter gay, straight, or bi, lesbian, transgendered life
I’m on the right track, baby, I was born to survive
No matter black, white or beige, chola or orient made
I’m on the right track, baby, I was born to be brave
Lyrics: Fernando Garibay, Stefani Germanotta, Jeppe Laursen, Paul Blair Lyrics, veröffentlicht am 27. Januar 2011 (Songtexte.com: o.J.)
Wie wichtig ihr diese Aussage ist, die als ein Credo zu verstehen ist, zeigt sich in ihrer Aussage zum Song und dessen Titel:
„Ich will meine ‚this-is-who-the-fuck-I-am’-Hymne schreiben, aber ich will nicht, dass es hinter poetischer Zauberei und Metaphern versteckt ist. Ich will, dass es eine Attacke wird, ein Angriff auf die Frage, weil ich denke, dass speziell in der heutigen Musik alles irgendwie verwaschen wird und die Nachricht in einem lyrischen Spiel versteckt wird (Werde 2011: o.S., Übersetzung aus dem Englischen, MS).“[16]
Dieser Anspruch spiegelt sich zudem darin wider, dass das ‚Werk’ Lady Gagas, wie es hier diskutiert wird und wie es bereits kurz herausgestellt wurde, nicht aus einem einzelnen Ereignis, dem Auftritts bei den MTV Video Music Awards am 12. September 2010, sondern aus einer Reihe von ‚Maßnahmen’ besteht, die zeitlich versetzt angelegt sind. Zentral für die tiefere Deutung ist hier der doppelte Auftritt der Künstlerin einerseits im Preview für die Herbstausgabe der Vogue Hommes Japan Vol. 5, am 25. August 2010 als männliches Alter-Ego bzw. Cover-Boy JO CALDERONE ‚TOO COOL TO CARE’ (vgl. Ankündigung DSCENE 25.08.2010) drei Wochen vor der Preisvergabe und andererseits ihre Präsentation von sich selbst nur fünf Tage davor als Cover-Girl in der Vogue Hommes Japan Lady Gaga ‚The Naked Truth’ am 7. September 2010 im sexistisch lesbaren meat-bikini (Abb. 3), die entsprechend beide für Irritationen sorgten. Gerade der Auftritt im meat-bikini rief Kritik in der Fleischindustrie und bei Vegetariern sowie der Tierschutzorganisation Peta hervor (vgl. Today 7.10.2010).[17]

Abb. 3:
Lady Gaga, The Naked Truth, Cover-Girl, Vogue Hommes Japan Vol 5, 7. September, 2010, Foto des Modefotografen für die Vogue, Terry Richardson im meat- bikini von Franc Fernandez[18], dem ‚Hausdesigner’ von Lady Gaga
Foto © MiKael, CC-BY-SA

Schließlich erscheint drei Wochen nach der Preisverleihung der MTV Video Music Awards im September in Los Angeles, die vorangekündigte Ausgabe mit der Fotosession in der Voque Hommes Japan ‚TRUE BELIEVER’ Vol. 5, im Oktober 2010. Schwarz/Weiß im Stil der 1950er-Jahre mit grease-stained T-shirt und Zigaretten hinter dem Ohr tritt Lady Gaga hier auf dem Cover und in der Fotosession im Heft als männliches Alter-Ego, als introvertiertes Modell Jo Calderone, auf (Abb. 4).

Abb. 4:
True Believer, Jo Calderone, Cover und Fotosession
Vogue Hommes Japan, Vol. 5, 25. August 2010, Fotos von dem britischen Modefotografen Nick Night v. 25.06.2020[19], Foto © MiKael, CC-BY-SA

Weibliche Klischees des kurvigen, sexuell anziehenden Cover-Girls (am 7. September 2010) mischen sich derart mit Vorstellungen von sich selbst als selbstbewusste, sich der Objektivierung als Sexobjekt entziehende Variante (am 12. September 2010) bis hin zu einer Variante eines männlich-in sich gekehrten Modells ihrer selbst (am 25. August und im Oktober 2010). Sie ist Mann und Frau, sexuell-aufgeschlossen und nachdenklich, alles zugleich, so klingt es hier an. Eine Zuschreibung zu einer der Versionen wird hier als einseitig entlarvt. Diesem Zyklus folgt schließlich ein Auftritt ein Jahr später bei der Vergabe der MTV Video Music Awards im September 2011 als Jo Calderone. Dort führt er/sie sich ein mit einem Monolog, singt am Klavier den eigens für das Album Born This Way komponierten Song Yoü and I (cf. BeyGaga 2011: 8:38),[20] vollführt eine Tanzeinlage mit einer Boy-Group und beendet den Song gemeinsam mit dem Queen-Gitarristen Brian May. Parallel knüpft sie mit dem Start der Tournee Born This Way Ball am 27. April 2012 in Seoul und dem Abschlusskonzert am 11. Februar 2013 in Montreal, mit insgesamt 98 Auftritten, in denen nicht nur Lady Gaga beim Vortrag des Titelsongs, sondern auch in Poker Face gemeinsam mit girl-dancers in je neuen Varianten von meat & dress sei es im Ballerina-Stil, in ‚Underwear’ oder Badeanzug auftritt. Teil der Inszenierung während der Tour ist dabei auch ein Fleisch-Sofa und ein Hexenkessel, in den die Künstlerin Kopf über im meat & dress gesteckt wird.[21] Mit all diesen flankierenden Maßnahmen davor und danach knüpft sie an das Konzept der spielerischen Auflösung von normierten, stereotypischen Rollenmodellen an.
Damit schließt sich der Kreis des Spiels mit den Vorstellungsbildern. Er startet im 25. August und 7. September 2010 in Japan, kulminiert am 12. September 2010 bei den MTV Video Music Awards in den USA und öffnet sich mit der Einführung von Jo Calderone im Juni und Oktober 2010 und ‚dessen’ 8-minütigem Auftritt bei den MTV Video Music Awards in den USA ein Jahr später, am 28. August 2011. Mit der 10-monatigen Tournee zum Album bis zum 13. Februar 2013 in Montreal endet die Serie offiziell. Mit der Gründung der Born This Way Foundation 2012 führt sie das Konzept als Projekt für eine bessere Welt bis heute fort. Mit diesem breit aufgestellten, vielfältig inszenierten Konzept sprengt Lady Gaga die Zuschreibungen, von dem was Frauen – und damit indirekt auch von dem was Männer – ausmacht, nachhaltig. Männlich oder weiblich, beides wird als Alternative für jeden von uns vorstellbar. Die Zuweisungen entpuppen sich genau als solche, nämlich als Festlegungen, was sich in unserer ambivalenten, vielschichtigen und fühlmäßig offenen Welt nicht so eindeutig festlegen lässt.
3. Storytelling forever: Zum Storytelling bzw. zum Selbstbild von Frauen und Männern aus theoretischer Sicht
Den Wandel der Bedeutung des Storytellings zum Bild der Frau vom faktischen zum postfaktischen Zeitalter aufzuzeigen, galt der Vergleich. Die neuen medial geprägten Bedingungen im 21. Jahrhundert spielen dabei, so zeigte sich bereits, eine zentrale Rolle.
Über die zeitlich versetzten und vielfältigen Formen medialer Inszenierung beim Live-TV-Auftritt, in Fotosessions und Interviews für Zeitschriften und in Social Media, in Choreographien für Videokanäle, mit der Herausgabe der Single Version von Born This Way und schließlich des gleichnamigen Albums in Form von Platten sowie auf der Tournee von The Born This Way Ball weltweit, werden von Lady Gaga über einen Zeitraum von drei Jahren (bzw. bis heute) immer wieder neu über alle Sinne das Empfinden bzw. das an den Körper gebundene Erregungspotential der Zuschauerinnen und Zuschauer angesprochen (vgl. Sauer 2023b und zu den kulturanthropologischen und kognitionswissenschaftlichen Grundlagen Sauer 2025 forthc.). Wie schon bei Sterbak betreffen diese über das Sehen hinaus das Tasten, Schmecken und Riechen in Verbindung mit dem Fleisch. Im Fall Lady Gaga kommt zudem dem Sehen von bewegten Bildern eine zentrale Bedeutung zu, sei es bei den Performances, beim ´Posen´ und beim Schauspielern. Aufgerufen wird dabei auch das Hören von Musik und Lyrics sowie das Gleichgewichtsempfinden über Tanzeinlagen im meat & dress. Die öffentliche Liveausstrahlung und die nachträglich eingestellten Videos und Fotos, die während des Auftritts entstanden und die Herausgabe der Single-Version und des Albums von Born This Way danach, sowie die Performances während der Konzerttournee und schließlich die Gründung der Born This Way Foundation dienen nicht nur der Dokumentation wie das Foto bei Sterbak, sondern der Fortschreibung der Idee bzw. des Themas, um das es ihr geht – bis heute. Sie dienen der Verbreitung der Message und natürlich auch wirtschaftlichen Interessen.
Mit Blick auf theoretische Ansätze zu diesem Phänomen, ist es Marshall McLuhan, der 1964 darauf aufmerksam machte, dass ein solcher Wandel im Selbstbild bzw. Rollenverständnis zu erwarten war. Es sind die Bedingungen des elektronischen Zeitalters bzw. der Einsatz der sogenannten Neuen Medien, die sämtlich als verlängerter ´Arm´ des eigenen Körpers und damit seiner Möglichkeiten zu kommunizieren zu verstehen sind, die er dafür verantwortlich macht. Durch ihre Reichweite lösen sie seiner Auffassung nach, einen allgemeinen gesellschaftlichen Wandel aus, durch den es u. a. zu einer Annäherung der Geschlechter komme. Er betrifft Frauen und Männer gleichermaßen:
„Das Streben unserer Zeit nach Ganzheitlichkeit, Empathie und Tiefe des Bewusstseins ist eine natürliche Begleiterscheinung der elektronischen Technologie. Im Zeitalter der mechanischen Industrie, das uns vorausging, war die vehemente Behauptung der privaten Sichtweise die natürliche Ausdrucksform. […] Das Kennzeichen unserer Zeit ist die Auflehnung gegen auferlegte Muster (McLuhan 1964: 20, Übersetzung aus dem Englischen, MS).“
Wie stark das Selbstbild von Frauen (und Männern) bis weit in die 1980 und 1990er-Jahre hinein Jahre – auch in der westlich ausgerichteten Welt – noch von klaren Rollenzuschreibungen geprägt ist, machte die Diskussion im Postfeminismus um das Werk von Jana Sterbak deutlich. Die Rollenvorstellungen werden als tief in der Gesellschaft verwurzelt beschrieben. Sich von ihnen loszusagen, scheint – entgegen dem eigenen Bedürfnis – beinahe unmöglich. Wie kann das sein? Sind wir nicht frei?
Welch immense Bindungskraft Rollenbilder tatsächlich ausüben und sogar gegen jede Vernunft bestehen, darauf verwies bereits der Philosoph Immanuel Kant 1784 in seinem berühmten Aufsatz zur Frage Was ist Aufklärung? Darin betont er, dass es nicht nur den Frauen, sondern auch den Männern schwerfalle, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Im Gegenteil, so Kant, wir alle haben unsere Gewohnheiten „sogar lieb gewonnen“ (Kant [1784] 1979: 5). Wegweisend verwies er in diesem Zusammenhang auf die Regelwerke in Gemeinschaften, die nach seinem Verständnis dafür sorgen, dass es auch so bleibt:
„Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs [sic] seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit (ebd.: 5).“
Um diesen Bindungskräften entgegen zu treten, bedürfe es, so Kant weiterführend, eines Staates bzw. – mit Blick auf heute – einer Gemeinschaft, die den Einzelnen Freiheiten geben, diese Satzungen und Formeln nicht nur zu überdenken, sondern auch zu überarbeiten. Dazu müsse den Insidern, die um die Einschränkungen wissen, Möglichkeiten gegeben werden, sie zu ändern. Voraussetzung dafür sei, dass, „der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft (des Menschen, MS) jederzeit frei sein [muss], und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen (ebd.: 6–8, hier 6, kursiv im Original).“
Erste sozialwissenschaftlich relevante Forschungen im englischsprachigen Raum durch Gregory Bateson in den 1930er-Jahren (vgl. gesammelte Aufsätze, Aronson 1987), die von Erwing Goffman in Frame Analysis 1974 weitergeführt wurden, knüpfen daran mit der Etablierung der Frame Theory als einem eigenen Forschungszweig an. Mit ihnen findet erstmals eine systematische Ausdifferenzierung der ´Satzungen und Formeln´ bzw. von gesellschaftlichen Ordnungen nach Regelwerken statt. Nach Goffman tragen sie wesentlich zur Sicherung der Gemeinschaft bei (Goffman [1974] 1975: 1–29, 11). Wie sehr die Verhaltensmuster, die die Regelwerke bestimmen, nicht nur verinnerlicht werden, sondern darüber hinaus als logisch und damit als notwendig gegeben und unveränderlich angesehen werden, darauf macht Bateson mit seinen Beobachtungen aufmerksam:
„Dieser Aspekt der Einheitlichkeit der Verhaltensmuster lässt sich im Hinblick auf die Standardisierung kognitiver Aspekte der Persönlichkeit der Individuen neu fassen. Man könnte sagen, dass die Denkmuster der Individuen so standardisiert sind, dass ihnen ihr Verhalten logisch erscheint (Bateson [1935] 1987: 75, Hervorhebung i. Original, Übersetzung aus dem Englischen MS).“[22]
Im Geiste an Kant anschließend, sah es auch der Kulturkritiker der Frankfurter Schule in Deutschland Walter Benjamin in den 1930er-Jahren als wesentlich für die Aufklärung des Menschen an, sich von dem engen Raster der Regelwerke, die sich in Verhaltensmustern und in Ritualen äußern und in Traditionen manifestieren, zu befreien. Im Bewusstsein dessen, wie eng wir uns selbst an sie gebunden fühlen, sieht er, letztlich wie McLuhan voraus, dass mit den neuen Medien bzw. mit der Fotografie und dem Film, wie sie Anfang des Jahrhunderts aufkamen, d. h. „mit dem Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit […] dieses sich zum ersten Mal in der Weltgeschichte von seinem parasitären Dasein am Ritual [emanzipiert] (Benjamin [1936] 1977: 17).“ Konkrete Hoffnung, einen Bruch mit ihnen zu bewirken, setzte Benjamin in die „Chockwirkungen“, wie sie nach ihm nicht nur die neuen Medien, sondern auch die Kunstbewegung des DADA auslöse (ebd.: 37). Zum besseren Verständnis, um was es dabei geht, sei hier an den Flaschentrockner von Marcel Duchamps erinnert.
Bemerkenswerter Weise bedienen sich sowohl Sterbak und Lady Gaga dieser von Benjamin vorgestellten Mittel, indem sie im Betrachter und in der Betrachterin allein durch das Tragen von rohem Fleisch am Körper, über meat & dress, solche ´Chockwirkungen´ auslösen. Mit Blick auf Sterbak steht ihr Werk dann, im Sinne der postfeministischen Theorie, für den Schock der Frauen ein, nicht bereit zu sein bzw. sogar unfähig zu sein, sich den Anforderungen des Rollenbilds an sie zu entziehen. Den Schock über die Tatsache, was das Aushungern aus einem macht, als Mahnung zu verstehen, wie von mir vorgetragen, ist dann eine andere Lesweise. Letztlich gar nicht erst geschockt zu sein, sondern das Auftreten im meat & dress als Anlass zu nehmen, mit den Rollenbildern zu spielen, ist der Ansatz von Lady Gaga. Multimedial und multimodal, d. h. über eine Vielfalt an Medien, die Sinne jedes Einzelnen bzw. dessen Empfinden anzusprechen, verfolgt sie ihren Ansatz in einem Zeitraum von drei Jahren bzw. bis heute und verschiebt dabei spielerisch-leicht die Grenzen der Rollenvorstellungen nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern. Selbst mir ihrem Pseudonym, Lady Gaga, greift die Künstlerin dieses Ansinnen auf, indem sie mit ihm an die Kunstbewegung des DADA Anfang des letzten Jahrhunderts anknüpft, in der ebenfalls alle Register der Kunstpräsentationsmöglichkeiten ausgeschöpft wurden, um in ihrer Zeit mit der Tradition der Künste, die Regelwerke von Monarchie und Kirche zu bedienen, zu brechen (vgl. Sauer 2023a). So gelingt Lady Gaga mit ihren Auftritten im Zeitalter der Neuen Medien, im Sinne der postmodernen Philosophie von Judith Butler 1993, ein Umdeuten (Butler 1993: 128–129) einzuleiten, und damit Frauen wie Männern einen erweiterten Handlungsspielraum zu ermöglichen. D. h. letztlich erst unter den öffentlich wirksamen Bedingungen des 21. Jahrhunderts, deren Klaviatur, wie sich zeigte, Lady Gaga beherrscht, kommt es nicht zum Bruch – der, wie es die Forschungen dazu deutlich machte, nicht möglich ist –, sondern es findet über das Umdeuten tatsächlich ein Wandel im Storytelling im Selbstbild von Frauen und parallel von Männern statt, so wie es Kant, Benjamin und McLuhan als Bedingung der Möglichkeit von Wandel herausstellen.
4. Fazit
Werden alle Aspekte zusammengetragen und im Sinne eines allgemeinen Konzepts zur Frage, was macht ein Storytelling im Selbstbild von Frauen eigentlich aus, herangezogen, so zeigen sich im Anschluss an die Vergleiche der Inszenierungskonzepte der beiden Beispiele aus 1980er- und 2010er-Jahren und deren auf ihnen aufbauenden Auslegungsrichtungen und den theoretischen Grundlagen, die als Hintergrund für deren Verständnis herangezogen wurden, dass es ein Storytelling von Frausein und Mannsein immer geben wird, auch wenn die Grenzen verschwimmen. Nur je der Umgang und das Selbstverständnis können sich wandeln. Im faktischen Zeitalter sind diese noch sehr festgezurrt und üben eine enorme Bindungskraft auf Frauen – und auch Männer – aus, wie es die feministische Theorie der 1990er-Jahre mit ihrer Kritik gerade an Frauen deutlich machte. Es ist das Scheitern der Frauen, sich der Bannkraft zu entziehen, die schließlich eine unbändige Wut auslöste. Sie findet in der Selbstkasteiung der Frauen im meat & dress Sterbaks einen Ausdruck. Entsprechend wird die Inszenierung als ein Protestschrei verstanden, der die Frauen selbst wachrütteln soll. Sie soll zu einem Bruch (Benjamin) oder zumindest zu einem Umdeuten (Butler) des als verkrustet empfundenen Bildes der Frau aufrufen. Erst im postfaktischen Zeitalter, mittels der neuen Medien, nimmt das Storytelling über Frauen – und Männer – entspanntere Züge an. Mittels öffentlicher Reden (Kant) verstärkt über die Möglichkeiten der technischen Reproduzierbarkeit (Benjamin) können Umdeutungen (Butler), wie es Lady Gagas Inszenierungen im meat & dress spielerisch-leicht vorführen, zu einer Annäherung der Geschlechter führen (McLuhan).
Es ist Hartmut Böhme, der 2006 in Fetischismus und Kultur diesen Prozess der Annäherung, bestätigt. Nach ihm zeichnet sich dieser seit den 1970er-Jahren ab. Es sind in seiner umfassenden Analyse zu diesem Phänomen u. a. die aufreizenden Auftritte der Pop-Sängerin Madonna in den 1980er- und 1990er-Jahren, in denen sie sich wie Michael Jackson in den Schritt fasste (Böhme 2006: 345–347), die ihn zu diesem Schluss veranlassten. Böhme spricht entsprechend von einem spielerischeren, freieren Umgang mit Bedeutungsträgern aller Art (Fetischen) bzw. von einem frei flottierenden Fetischismus (ebd.: 480–483), den das neue Zeitalter ausmache. Rollenbilder sind nicht länger bindend, sondern wandeln sich beständig. In meiner eigenen Auslegung von Sterbaks Werk, das ich weniger als Selbstkasteiung verstand, denn als Mahnung an jüngere Frauen, sich den bisher gängigen Schönheitsidealen zu entziehen, zeigt sich bereits die freiere, unbekümmerte Auslegung des postfaktischen Zeitalters. Zuschreibungen für typisch weibliches oder männliches Tun und damit feste Rollenvorstellungen weichen darin auf. Es ist die 2010 erst 24-jährige Lady Gaga, die schließlich gründlich – und mit Böhme spielerisch-unbekümmert und zugleich selbstbewusst – mit den starren Rollenbildern bricht. Mit dem Aufgreifen von meat & dress, wie es Sterbak einführte, stellt sie das Rollenmodell auf den Kopf. Den Frauen zeigt sie, Frausein ist auch Fleischeslust (7. September 2010), Frausein ist nicht Objektsein (12. September 2010), sondern höchstens ein witziges Spiel mit blutendem Fleisch und verführerischen Gesten. Statt Sexualität zu verteufeln, genießt sie ihre Fleischeslust (7. Sept. 2010). Schließlich, indem sie mit Jo Calderone als Alter-Ego in die Rolle des Mannes schlüpft, führt sie mit sich selbst einen Dialog dazu, was sie je ausmacht (25. August 2010; 12. September 2011 und während der Tournee bis 2013). Mit dem Song und den Lyrics sowie dem Album Born This Way (Lady Gaga 2010 bis 2011) und im öffentlichen ‚Tanz’ mit den Vorstellungsbildern, greift sie diesen Aspekt des wilden und ungestümen Spiels mit ihnen, auf ihrer internationalen Konzerttournee Born This Way Ball bis 2013 auf. Damit unterstreicht sie nochmals den Anspruch: Als was ich geboren wurde, spielt keine Rolle. Alles ist möglich, alles ist gut. Es gibt keine festen Zuschreibungen für richtig und falsch. Sie stehen dem Glück jedes einzelnen entgegen. Mit der Gründung der Born This Way Foundation 2012 knüpft sie daran an, um über Projektarbeit Impulse zur Akzeptanz von Vielfalt im realen Leben zu geben.
Ausgehend von einem ‚Storytelling forever’, das je nach dem Selbstverständnis von Gemeinschaften, die Rollenbilder regelt, so wie sie in der sozialwissenschaftlich ausgerichteten Frame Theory Thema ist, gewährt dieses Storytelling den Mitgliedern je Glück, Gemeinschaft und Sicherheit (vgl. Sauer 2023b). Dieser Zusammenhang erklärt schließlich auch Kants Beobachtung, nach der wir ‚Satzungen und Formeln’ sogar liebgewonnen haben. Dennoch, je enger die Regelwerke gezurrt sind, desto schwerer fällt es den Einzelnen sich darin frei zu bewegen, da Abweichungen von der Gemeinschaft als abwegig geahndet und abgestraft werden (ebd.: 26–29). Ein Wandel zu einem offeneren und freieren Verständnis der Rollen von Frauen (und Männern) kommt mit dem postfaktischen Zeitalter mit den neuen medialen Möglichkeiten auf, wie es sich Kant und Benjamin erhofften und McLuhan herausstellte. Sie nehmen, mit Böhme, Züge eines freien selbstbewussten Spiels an, in dem die Rollen akzeptiert und zugleich spielerisch-leicht hinterfragt werden können.
Diese Entwicklung kann auch überfordern, wie es die jüngsten Ereignisse in unserer inzwischen global aufgestellten und vernetzten Welt deutlich machen. Hoffen wir, dass wir diese Krise des ‚Storytelling forever’ im Sinne aller glücklich lösen.
Literaturverzeichnis
Monografien
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MCLUHAN, MARSHALL. Understanding Media: The Extensions of Man. 2. Aufl. 1963. New York [The New American Library] 1964
Sammelbände
ARONSON, JASON (Hrsg.): Gregory Bateson. Steps to an Ecology of Mind. Collected Essays in Anthropology, Psychiatry, Evolution. 2. Aufl. Chicago, Northvale, London [Chandler Publishing Company] 1987
NATIONAL GALLERY OF CANADA (Hrsg.): Jana Sterbak: States of Being. Corps à Corps. Ausstellungskatalog. Ottawa [Nationalgalerie] 1991
Beiträge aus Sammelbänden
BATESON, GREGORY: Culture Contact and Schismogenesis. In: ARONSON, JASON (Hrsg.): Gregory Bateson. Steps to an Ecoglogy of Mind. Collected Essays in Anthropology, Psychiatry, Evolution. 2. Aufl. Chicago, Northvale, London [Chandler Publishing Company] 1987 [1935], S. 71–82. https://ejcj.orfaleacenter.ucsb.edu/wp-content/uploads/2017/06/1972.-Gregory-Bateson-Steps-to-an-Ecology-of-Mind.pdf (14.05.2025)
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SAUER, MARTINA: Marshall McLuhan in a New Light. Old and New Methods of Influencing Emotions in Communities of the Electronic Age. In: LARS GRABBE; ANDREW MCLUHAN; TOBIAS HELD (Hrsg.): Beyond Media Literacy. Marburg [Büchner] 2023b, S. 14–32. https://www.doi.org/10.11588/artdok.00009303
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Beiträge aus Zeitschriften
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KANT, IMMANUEL: Was ist Aufklärung? In: Utopia kreativ, 159, 2004 [1784], S. 5-10. https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/159_kant.pdf (14.05.2025)
SAUER, MARTINA: Benjamin revisited. Das Kunstwerk im Zeitalter der digitalen Medien. In: Kunstgeschichte. Open Peer Reviewed Journal, 2011. https://www.doi.org/10.11588/artdok.00003193 (14.05.2025)
Artikel aus dem Internet
HEARD, CHRIST: Dressed to grill: From ‚The Undertones’ to Lady Gaga. In: BBC News, 15.11.2013. https://www.bbc.com/news/uk-england-24942186 (14.05.2025)
REDAKTION: Lady Gaga is Jo Calderone for Vogue Hommes Japan Vol. 5 Preview. In: DSCENE magazine, 25.08.2010. https://www.designscene.net/2010/08/lady-gaga-is-jo-calderone-for-vogue.html (14.05.2025)
REDAKTION: Lady Gaga dons a meat bikini for Voque. In: NBC. Today.com, 07.09.2020. https://www.today.com/popculture/lady-gaga-dons-meat-bikini-vogue-6c9555401 (14.05.2025)
WERDE, BILL: The Billboard Q&A: Lady Gaga’s Good Romance. In: Billboard, Charts, Hot 100. Music News, 03.04.2011. https://www.billboard.com/music/music-news/the-billboard-qa-lady-gagas-good-romance-1179099/ (14.05.2025)
Sonstige Artikel/Broschuren aus dem Internet
BEYGAGA: Lady Gaga – Yoü and I (Live from the VMAs 2011). 28.08.2011. https://www.youtube.com/watch?v=pYEPbVEpcg4 (14.05.2025)
HARVARD UNIVERSITY: Lady Gaga to Launch Born This Way Foundation. https://www.gse.harvard.edu/ideas/news/12/01/lady-gaga-launch-born-way-foundation. 19.01.2012 (14.05.2025)
HASTINGS, AMELIA: Lady Gaga – Born This Way. Live on MTV VMA 2010. https://www.youtube.com/watch?v=z8gRp8mEiaU 12.9.2010 (14.05.2025)
FANDOM GAGAPEDIA: Lady Gaga. https://ladygaga.fandom.com/wiki/Gagapedia# 2009 (14.05.2025)
KULTURSTIFTUNG DES BUNDES: Projekte. Jana Sterbak. https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/bild_und_raum/detail/jana_sterbak.html. O.J. (14.05.2025)
LADY GAGA: Born This Way Foundation. https://bornthisway.foundation/. 2012 (14.05.2025)
NICK NIGHT SHOWSTUDIO – THE HOME OF FASHION FILM: EDITORIAL GALLERY: Elegant Mechanics. https://www.showstudio.com/projects/elegant_mechanics/editorial-gallery. 25. Juni 2010 (14.05.2025)
SONGTEXTE: Born This Way Songtext von Lady Gaga. https://www.songtexte.com/songtext/lady-gaga/born-this-way-23e91c1b.html. O.J. (14.05.2025)
WIKIPEDIA: Jana Sterbak. Flesh Dress for an Albino Anorectic. 24.09.2024. https://en.wikipedia.org/wiki/Vanitas:_Flesh_Dress_for_an_Albino_Anorectic (14.05.2025)
WIKIPEDIA: MTV Video Music Awards. 06.10.2024. https://de.wikipedia.org/wiki/MTV_Video_Music_Awards (14.05.2025)
WIKIPEDIA: Born This Way (Lied). 23.02.2025. https://de.wikipedia.org/wiki/Born_This_Way_(Lied) (14.05.2025)
YOUTUBE: Lady Gaga. https://www.youtube.com/channel/UCNL1ZadSjHpjm4q9j2sVtOA (14.05.2025)
Weblogs
CIPCIPWEEBEE: Home America’s Next Top Model Cycle 10 ANTM Cycle 10 4th Episode: Meat Packing Factory Photo Shoot. Call Out Order in Meat Packing Factory. In: MforModels. Next Top Model Fan. 12.3.2008. https://mformodels.blogspot.com/2008/03/antm-cycle-10-4th-episode-meat-packing.html (14.05.2025)
SAUER, MARTINA: ‚Chockwirkungen’. Zum Sinn des Unsinns im Werk Marcel Duchamps im Anschluss an den Philosophen Walter Benjamin. In: Bild – Kultur – Philosophie. 13.11.2023a. https://www.bildphilosophie.de/chockwirkungen (14.05.2025)
Biografie
Martina Sauer ist Leiterin des Instituts für Bild- und Kulturphilosphie in Deutschland: https://www.bildphilosophie.de/ (en). Als Forscherin und Wissenschaftlerin wirkt sie als Leiterin von Konferenzen und als keynote, als Autorin, Herausgeberin und als Lehrende an Hochschulen, Universitäten, in Kunstmuseen und im Studium Generale öffentlicher Bildungseinrichtungen. Seit 2021 arbeitet sie gemeinsam mit Giuseppe Di Cesare aus dem Team der Entdecker der Spiegelneuronen um Giacomo Rizzolatti in Parma, Italien, an dem von ihr initiierten Forschungsprojekt „Affective Perception and Design“. Im WS 2025 betreut sie das Fach Design Theorie im Masterstudiengang Illustration an der Münster School of Design. Zudem ist sie Teil des Teams des Museum Frieder Burda, Baden-Baden, und des Haus Anselm Kiefer in Ottersdorf, Rastatt. In einem „DebattierClub Philosophie +“ moderiert sie aktuelle Fragestellungen vor dem Hintergrund philosophischer Positionen.
Fussnoten
1 Vgl. zum Symposium/Programm an der Münster School of Design: https://www.fh-muenster.de/msd/aktuelles/storytelling-symposium-grabbe.php (14.05.2025)
2 Vgl. abweichend zur Selbstinszenierung von Frauen weitere Versionen zum meat & dress das Cover des Albums Dressed to Grill, 1979, der Band Undertones und den Bericht dazu von CHRIST HEARD. Dressed to grill: From The Undertones to Lady Gaga. In: BBC News, 15.11.2013: https://www.bbc.com/news/uk-england-24942186 (4.5.2025) und das Foto-Shooting von 12. März 2008 von ANTM (America´s Next Top Model) Cyle 10, 4 Episode, Meat Packing Factory Photo Shoot mit Top, Unterhose und Glitzerstiefel im meat & dress: https://mformodels.blogspot.com/2008/03/antm-cycle-10-4th-episode-meat-packing.html (14.05.2025)
3 Um der Ausrichtung des Beitrags gerecht zu werden, sollen die theoretischen Grundlagen für diesen erweiterten, die ‚conditio humana’ des Menschen betreffenden Ansatz Vitality Semiotics (VS), wie er von mir erarbeitet wurde, nicht eigens vorgestellt werden vgl. Sauer 2024; 2023b und 2025 forthc.
4 Für Hintergrundinformationen zur Präsentation und zur kontroversen Diskussion von Sterbaks meat & dress vgl. den Eintrag bei WIKIPEDIA: Vanitas: Flesh Dress for an Albino Anorectic, Unterpunkte Exhibition und Controversy. Veranlasst durch die Weiterverarbeitung des Themas durch Lady Gaga wurden auf dieser Seite 2011 die Stimmen zur Diskussion bzw. die entsprechenden Links zu den Texten unter References neu eingestellt: https://en.wikipedia.org/wiki/Vanitas:_Flesh_Dress_for_an_Albino_Anorectic (14.05.2025)
5 Vgl. zur Retrospektive in Duisburg und Innsbruck den Eintrag der Kulturstiftung des Bundes in Deutschland:https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/bild_und_raum/detail/jana_sterbak.html (14.05.2025)
6 Vgl. zu Hintergrundinformationen zu den MTV Video Music Awards mit einer Liste aller Preisverleihungen: https://de.wikipedia.org/wiki/MTV_Video_Music_Awards und zur offiziellen Website vgl. https://www.mtv.com/event/vma (14.05.2025)
7 Vgl. hierzu das Kurzvideo (0:00 / 0:29 Sek.) von Amelia Hastings mit 123 Kommentaren zum Auftritt: Lady Gaga – Born This Way (Live on MTV VMA 2010): https://www.youtube.com/watch?v=z8gRp8mEiaU (14.05.2025)
8 Vgl. zur Entstehungsgeschichte von Born This Way und dessen Herausgabe als Single am 11. Februar 2011 auf der Fan-Seite FANDOM GAGAPEDIA: https://ladygaga.fandom.com/wiki/Born_This_Way_(song) und ergänzend die Erstveröffentlichung des offiziellen Videos dazu auf Lady Gagas Chanel auf YouTube am 28.02.2011: https://www.youtube.com/watch?v=wV1FrqwZyKw. Vgl. ferner die offizielle Einstellung auf ihrer Homepage des gleichnamigen Albums am 23.05.2011: https://www.ladygaga.com/us-en/music/born-this-way und die Weiterleitung auf YouTube: https://music.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mbTCtSi7D9p5r90swgljznRg6hKrhSV0I (14.05.2025)
9 Vgl. Anm. 7
10 Vgl. Anm. 4
11 Vgl. zu den Zielen und Aktivitäten der Foundation die Einträge auf der Homepage Lady Gagas: https://bornthisway.foundation/ und zur Gründungsveranstaltung die Harvard University v. 19.01.2012: https://www.gse.harvard.edu/ideas/news/12/01/lady-gaga-launch-born-way-foundation (14.05.2025).
12 Sterbak kommentierte ergänzend hierzu: „in this century […] we are concentrating our energies to overcome the boundaries of the physical.” (Ferguson/Nairne 1988: 67, bzw. „In diesem Jahrhundert […] konzentrieren wir unsere Energien darauf, die Grenzen des Physischen zu überwinden (Übersetzung ins Deutsche, MS).“
13 Vgl. Spector 1992: 2-6, 2: „The work bespeaks a certain rage at this injustice. […] The anorexic female body, as victim of self-induced starvation and intense self-discipline, personifies this desperate attempt at control of a personal world rife with paradox. And Sterbak’s meat dress, which literally shrinks, seeming almost to subsume itself, serves as a visual analogue to the anorexic’s misguided attempts to use mind against body in response to her inability—or refusal—to satisfy our culture’s demands of its women for self-restraint, acquiescence, measured ambition, maternal aspirations, and bodily perfection.” Vgl. hierzu die deutsche Übersetzung: „Das Werk zeugt von einer gewissen Wut über diese Ungerechtigkeit. […] Der magersüchtige weibliche Körper, Opfer selbstverschuldeten Hungers und intensiver Selbstdisziplin, verkörpert diesen verzweifelten Versuch, eine von Paradoxien geprägte persönliche Welt zu kontrollieren. Und Sterbaks Fleischkleid, das buchstäblich schrumpft und sich selbst fast zu verschmelzen scheint, dient als visuelles Analogon zu den fehlgeleiteten Versuchen der Magersüchtigen, ihren Geist gegen ihren Körper einzusetzen, als Reaktion auf ihre Unfähigkeit – oder Weigerung –, die Anforderungen unserer Kultur an Frauen nach Selbstbeherrschung, Fügsamkeit, maßvollem Ehrgeiz, mütterlichen Bestrebungen und körperlicher Perfektion zu erfüllen.“ (Übersetzung ins Deutsche, MS)
14 Vgl. zur Definition von Postfeminismus Rosalind Gill, Die Widersprüche verstehen. (Anti-) Feminismus, Postfeminismus, Neoliberalismus, dt. v. Peter Beyer. In: ANNE SEIBRING (Hrsg.): (Anti-) Feminismus (bpb, Bundeszentrale für politische Bildung, Reihe APuZ. Aus Politik und Geschichte). https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/267938/die-widersprueche-verstehen/#footnote-reference-1, 20.04.2018 (14.05.2025)
15 „Ich bin auf meine Art schön, Denn Gott macht keine Fehler. Ich bin auf dem richtigen Weg, Baby. Ich wurde so geboren. Versteck dich nicht in Reue. Liebe dich einfach selbst, und du bist bereit. Ferner: Egal ob schwul, hetero, bi, lesbisch oder transsexuell, Ich bin auf dem richtigen Weg, Baby. Ich wurde geboren, um zu überleben. Egal ob schwarz, weiß oder beige, chola oder orientalisch. Ich bin auf dem richtigen Weg, Baby. Ich wurde geboren, um mutig zu sein (Übersetzung aus dem Englischen, MS)“.
16 Vgl. hierzu Lady Gaga im Gespräch mit BILL WERDE von BILLBOARD. HOT 100, CHARTS, MUSIC NEWS, am 3.4.2011 (Übersetzung aus dem Englischen MS): https://www.billboard.com/music/music-news/the-billboard-qa-lady-gagas-good-romance-1179099/ (14.05.2025)
17 Vgl. Kommentar in: NBC NEWS, TODAY, POP-CULTURE: Lady Gaga dons a meat bikini for Voque, 07.10.2010: https://www.today.com/popculture/lady-gaga-dons-meat-bikini-vogue-6c9555401 (14.5.2025)
18 Vgl. zu Franc Fernandez sowie Hintergründen zum meat & dress in dem Fan-Portal: Fandom, Gagapedia: https://www.youtube.com/watch?v=pYEPbVEpcg4 (14.05.2025)
19 Vgl. zu Nick Night und dessen Zusammenarbeit mit Lady Gaga und insbesondere zur Fotosession als Jo Calderone und dessen leak im Vorfeld v. 25. Juni 2010 auf dessen Homepage: SHOWStudio.com: https://www.showstudio.com/projects/elegant_mechanics/editorial-gallery (14.05.2025)
20 Vgl. BeyGaga, YouTube-Seite von Lady Gaga: Lady Gaga – Yoü and I. Live Mitschnitt der VMAs 2011, am 28.08., im Nokia Theater in Los Angeles: https://www.youtube.com/watch?v=pYEPbVEpcg4. Als Song ist Yoü and I Teil des Albums von Lady Gaga, Born This Way, herausgegeben am 23.05.2011. Vgl.: Cannel von Lady Gaga auf YouTube 2011: https://www.youtube.com/watch?v=yDUPrjaID0c (14.05.2025)
21 Vgl. hierzu die Informationen und zahlreiche Fotos der Varianten und Inszenierungsweisen des meat & dress auf der Fanseite Fandom Gagapedia: https://ladygaga.fandom.com/wiki/The_Born_This_Way_Ball und https://ladygaga.fandom.com/wiki/The_Born_This_Way_Ball/Show/Act_IV (14.05.2025).
22 “This aspect of the unity of the body of behavior patterns may be restated in terms of standardization of cognitive aspects of the personalities of the individuals. We may say that the patterns of thought of the individuals are so standardized that their behavior appears to them logical (Bateson [1935] 1987: 75, Hervorhebung im Original).”
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Citation
Martina Sauer: Von der Wut zum Spiel. Meat & Dress bei Jana Sterbak & Lady Gaga als Beispiele für einen Wandel im Storytelling im Selbstbild von Frauen vom faktischen zum postfaktischen Zeitalter. In: IMAGE. Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, Band 43, 9. Jg., (1)2026, S. 86-109
ISSN
1614-0885
DOI
10.1453/1614-0885-1-2026-16820
First published online
Februar/2026
