Von Elisabeth Sommerlad
Abstract
Island paradises are culturally coded and powerfully charged topoi embedded in image politics and narratives, rather than representing neutral spaces of longing. There are numerous conceptions of paradise, which are partly understood as idealised imaginations and partly as geographical fixations. This paper examines the case of Mauritius in the Indian Ocean, exploring how specific notions of paradise manifest in cross-media aesthetics; that is, the transmedial design and circulation of visual and discursive meanings, and how these notions shape contemporary spatial production and identity formation. The analysis focuses on three selected perspectives that convey and transform myths of paradise, which are temporally and spatially distinct yet entangled: (1) eighteenth-century colonial paradise imaginations, when Mauritius was conceived in literature as an exotic utopia; (2) contemporary image politics, where the island is staged as a paradisiacal setting on digital tourist platforms; and (3) future visions articulated in real estate and smart city projects, where historically inherited and newly emerging visions of paradise overlap. The paper demonstrates how these cross-media constructions of paradise influence the island‘s sociospatial configurations, producing both colonial continuities and new patterns of dependency. By interweaving historical narratives, contemporary visual languages and politically charged future visions, the paper offers a postcolonial interpretation of the medial staging of Mauritius as a paradise island. In doing so, it contributes to debates on aesthetic and medial practices of staging and narrative spatial productions in postcolonial contexts.
Einleitung
Als Teil der Maskarenen liegt Mauritius im südlichen Indischen Ozean, ungefähr 2000 Kilometer vor der Ostküste des afrikanischen Kontinents[1]. Aufgrund seiner geographischen Lage war Mauritius bereits für koloniale Seefahrernationen von erheblicher geostrategischer Relevanz, da sich an dieser Stelle zentrale Seerouten und Handelswege kreuzten. Die Insel wurde über mehrere Jahrhunderte hinweg von verschiedenen Nationen kolonisiert. Indische und arabische Seehandelsleute nutzten Mauritius lediglich als Zwischenhalt. Demgegenüber nutzten portugiesische Seefahrer die damals vermutlich unbewohnte Insel im 16. Jahrhundert als zentralen strategischen Haltepunkt im Indischen Ozean und brachten Mauritius auf die europäischen Weltkarten (vgl. VAUGHAN 2005: 2). Eine erste koloniale Besiedelung wurde durch die Niederländer vorgenommen (1638–1658, 1664–1710). Es erfolgte eine Kolonisierung der in der Folge als Île de France bezeichneten Insel durch Frankreich (1715–1810). Im Anschluss wurde die Insel durch die britische Krone übernommen, bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1968 (vgl. EISENLOHR 2007: 27).
Die Kontinuität kolonial verwurzelter Machtverhältnisse lässt sich bis heute in vielerlei Hinsicht, beispielsweise in ökonomischen, politischen und sozialen Bereichen, auch weiterhin beobachten. Hiermit verschränkt ist auch Imaginationen von Mauritius als irdische Paradiesinsel. Diese ist stets mit der medial stark aufgeladenen Vorstellung einer unberührten Natur und harmonisch zusammenlebenden Gesellschaft verbunden. Diese Imagination ist häufig verknüpft mit der bildlichen Darstellung von weißen, palmengesäumten Sandstränden und klarem, türkisblauem Wasser. Es handelt sich hierbei um ein narratives Muster, das sich über verschiedene Medienformate hinweg (unter anderem in Tourismuswerbung, in Reiseliteratur, in Filmen und Dokumentationen) sowie in Alltagserzählungen wiederfindet bzw. fortschreibt und tief in global zirkulierenden Imaginationen von Mauritius verankert ist.
Als Ausgangspunkt dieses Topos, der bis heute vielfach die populäre Vorstellung von der Insel Mauritius als tropischem Sehnsuchtsort prägt, wird oftmals ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain genutzt: „Mauritius was created first, then paradise. But paradise was only a copy of Mauritius.“ Ein genauerer Blick auf Mark Twains Reisebericht[2] aus dem Jahr 1897 Following the Equator. A Journey Around the World, in dem sich das Zitat findet, zeigt jedoch, dass dieses aus dem Zusammenhang gerissen ist. Twain bezieht sich in der entsprechenden Passage mit teilweise ironischen Formulierungen auf seine Beobachtung, dass die Menschen auf Mauritius der Insel sehr ambivalente Zuschreibungen geben, die zwischen Idealisierung und kritischen Sichtweise oszillieren:
„This is the only country in the world where the stranger is not asked ‚How do you like this place?‘ (…) Here the citizen does the talking about the country himself (…). You get all sorts of information. From one citizen you gather the idea that Mauritius was made first, and then heaven; and that heaven was copied after Mauritius. Another one tells you that this is an exaggeration; that the two chief villages, Port Louis and Curepipe, fall short of heavenly perfection; that nobody lives in Port Louis except upon compulsion, and that Curepipe is the wettest and rainiest place in the world” (TWAIN 1925: 293).
Eine kritische Einordnung des Zitats zeigt, dass es nicht Mark Twain selbst war, der Mauritius als Paradies bezeichnete – sondern dass es sich vielmehr um eine ironische Formulierung handelt, die sich auf die ambivalenten Perspektiven der Einwohnerinnen und Einwohner von Mauritius auf das eigene Land handelt. Dennoch findet bis heute eine populäre und verkürzte Rezeption des Zitats statt. Diese exemplarisch für eine frühe, selektive, westlich geprägte Lesart, in der Mauritius zur Projektionsfläche exotischer Phantasien wurde und die sich als persistentes Muster bis in heutige Darstellungen fortsetzt.
Anliegen des vorliegenden Beitrages ist es, die damit verbundenen crossmedialen (d. h. diverse Medien übergreifende) Inszenierungen, die darin eingebetteten wirkmächtigen Narrative und Zuschreibungen sowie die damit verbundenen Auswirkungen aus postkolonialer Perspektive kritisch nachzuzeichnen. Eine zentrale Perspektive ist dabei, dass die Vorstellungen einer utopischen Paradiesinsel als mediale Konstruktionen zu betrachten, die eng mit gesellschaftlichen Verhältnissen und raumprägenden Praktiken verknüpft sind. Im Zentrum steht die Frage, wie die Vorstellungen von Mauritius als Paradiesinsel in unterschiedlichen medialen Formaten konstruiert und vermittelt werden. Dazu werden drei mediale Kontexte bzw. Konstruktionen zueinander in Beziehung gesetzt, die über drei Zeitlichkeitsebenen miteinander verwoben sind: Imaginationen in kolonialliterarischen Erzählungen des 18. Jahrhunderts, gegenwärtige Touristifizierungen der Paradiesinsel mit einem Fokus auf touristische Inszenierungen auf der digitalen Plattform Instagram, sowie Facetten der zukünftigen Gestaltung von Mauritius im Kontext urbaner Transformationsprojekte und deren multimedialer Imagebildung. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die semantischen und visuellen Strategien solcher Inszenierungen, sondern auch deren historische bzw. koloniale Kontinuitäten.
Der Beitrag folgt dabei einem Dreischritt: Zunächst wird eine konzeptionelle Rahmung vorgenommen, in der einige zentrale Überlegungen zum Mythos der Paradiesinsel als medialem Topos skizziert werden (Kapitel 2). Anschließend werden in Kapitel 3 diese allgemeinen Perspektiven mit dem Fallbeispiel Mauritius verknüpft. Hier wird der oben skizzierten Frage nachgegangen, wie der crossmedial konstruierte und vermittelte Mythos einer Paradiesinsel Mauritius zu verstehen ist. Der Beitrag schließt mit Überlegungen zu den untersuchten Narrativen. Die Rahmung von Mauritius als post/kolonialem Paradies dient dabei als analytischer Rahmen, um die Ambivalenz zwischen kolonialer Verklärung, touristischer Inszenierung und lokalen Wirklichkeiten sichtbar zu machen.
1. Irdische Paradiesinseln: Konzeptionelle Rahmungen
Es existieren zahlreiche Konzeptionen des Paradieses, die teils als ideelles Vorstellungsbild, teils als geographischer Fixpunkt verstanden werden. Das Paradies als Topos ist dementsprechend als mehrdimensionale Figur zu denken, die sich aus unterschiedlichsten Kontexten und Sinnzuschreibungen speist und räumliche Wirkungen entfaltet. Übergreifend lässt sich das Paradies als Topos als „anthropologische Konstante“ (Börner 1984: 8) interpretieren, die sich in unterschiedlichen kulturgeschichtlichen Vorstellungen, Ikonographien und kulturellen Praktiken widerspiegelt. In den damit verbundenen „Topografien der Sehnsucht“ (BENTHIEN/GERLOF 2010: 7) verbinden sich diverse mythische, religiöse und kulturelle Bedeutungen und Vorstellungen, die weit in historische Zeiten zurückreichen aber gleichermaßen von gegenwärtiger Relevanz sind (ebd.). Die Ursprünge kultureller und gesellschaftlich wirksamer Vorstellungen dessen, was ein Paradies sei, sind vielfältig und reichen von mythisch-religiösen beziehungsweise spirituellen Konzepten, wie dem Garten Eden oder Arkadien, bis hin zu soziologisch-philosophischen Entwürfen idealisierter Gegenwelten. Im Folgenden sollen zentrale Perspektiven auf den Paradiesdiskurs umrissen werden, um einen konzeptionellen Rahmen für die Analyse zu entwerfen.
Die etymologischen Wurzeln des Begriffs Paradies werden dem altpersischen Pairi-daēza zugeschrieben, das einen umschlossenen Garten bezeichnet. Im Griechischen findet sich das äquivalente Wort paradeisos, das ebenfalls auf Lustgärten oder Wälder verweist – ähnliche Bedeutungen lassen sich in anderen Sprachen feststellen (vgl. BÖRNER 1984: 17). Ausgehend von diesen sprachlichen Ursprüngen des paradiesischen Gartens, das als Motiv Eingang in zahlreiche religiöse Vorstellungswelten gefunden hat und dort, verkürzt ausgedrückt, zwischen den beiden Polen der „Schöpfung am Anfang der Welt und (…) [dem] Ende der Zeit“ (BENTHIEN/GERLOF 2010: 7) pendeln[3]. Dabei standen zunächst spirituelle Dimensionen im Vordergrund. Mit der Zeit wandelte sich die Vorstellung eines himmlischen Paradieses hin zu einem erweiterten, säkularisierten Verständnis des Paradieses als idealem, Wunschraum oder „idealisierte Gegenwelt“ (ebd.: 8), ein meist weltlicher Ort, der absolutes Glück und Seligkeit verspricht (vgl. BÖRNER 1984). Derartige Paradiesentwürfe sind oft geprägt von der Sehnsucht nach einem verlorenen Idealzustand – sei es im Verhältnis zur Natur oder im Sinne einer alternativen Gesellschaftsform.
Diese Entwicklung lässt sich eng mit dem Begriff der Utopie verknüpfen, der auf konkrete gesellschaftliche Zustände bzw. idealisierte Vorstellungen einer Gemeinschaft rekurriert. Utopisches Denken, wie es etwa durch Thomas Morus’ Utopia (1516) etabliert wurde, ist nicht nur literarisch relevant, sondern auch in politischen, sozialen und philosophischen Kontexten wirkmächtig geworden (vgl. BENTHIEN/GERLOF 2010; ARNSWALD/SCHÜTT 2010; SCHÖLDERLE 2011). Besonders hervorzuheben ist dabei die wiederkehrende Figur der Insel – ein Raum, der „zugleich in der Welt und aus ihr herausgelöst“ (BENTHIEN /GERLOF 2010: 8) erscheint. Die Paradiesinsel ist ein mit mythischen Paradiesvorstellungen verbundener, wirkmächtiger Topos. Um ihre geographische Imagination zu dechiffrieren, lohnt ein Blick auf das Konzept des ‚irdischen Paradieses‘ – also die Vorstellung, dass Paradiese nicht nur geistige oder spirituelle Sphären sind, sondern als konkrete geographische Orte oder Fixpunkte existieren könnten. ERNST BLOCH (1985) spricht in diesem Kontext von der geographischen Utopie, auf die sich auch BÖRNER (1984: 10) bezieht: „Die Paradiessucher, die tatsächlich sich auf die Reise machen, haben immer an einen geographischen Fixpunkt im Raum gedacht und weniger an ein Reich im Geiste.“ Die Suche nach einem solchen Paradies auf Erden etablierte sich etwa ab dem 15. und 16. Jahrhundert, im Zuge imperialer Entdeckungsfahrten und der Zeit der Aufklärung. Sie speist sich aus dem Wunsch, das Paradies nicht nur als fiktiven, sondern als konkreten Fixpunkt zu manifestieren: „Die Vorstellung der geographischen Utopie akzentuiert die Sinnlichkeit und Konkretheit des Wunschziels und die Faktizität der Suche selbst“ (BÖRNER 1984: 11). Ikonographische Darstellungen eines solchen lokalisierbaren Paradieses manifestieren sich immer ‚in der Ferne‘ – Orte wie die Südsee oder Tahiti sind hier zu nennen und auch für Mauritius ist dieser Diskurs sehr prägend. Besonders hervorzuheben ist dabei das Bild der Insel als „schwer erreichbare, aber vermeintlich real existierende schöne Ferne“ (BÖRNER 1984: 7), das sich als zentraler Topos kolonialer Phantasien herauskristallisiert.[4] Dieser Topos ist eng verwoben mit imperialistischen Diskursen und kolonialen Ideologien (vgl. STRACHAN 2002). Wie Deckard (2007, 2010) zeigt, waren es insbesondere Paradiesmythen, die die Akteure der europäischen Kolonialmächte dazu motivierten, ferne Regionen zu erkunden: „[P]aradise begins as a geographical topos motivating European exploration and colonization, evolves into a myth justifying imperial discourse and praxis” (ebd. 2007: 3). Vorstellungen von der Schaffung paradiesischer Zustände fernab der bekannten Welt dienten der Rechtfertigung imperialer Ausbeutung und fanden in diesem Zusammenhang auch Eingang in koloniale Literaturgattungen wie das Travel Writing. Diese und andere Kunst- und Medienformen wurden zum Vehikel, um die Suche nach dem irdischen Paradies bzw. dessen Auffinden als Motivation und Ziel kolonialer und imperialer Expansion und ökonomischer und politischer Ausbeutung zu legitimieren: „The colonial inscription of islands as paradisiacal opened up these spaces for co-option into the colonial imaginary in a number of ways: as romantic Edenic spaces, depopulated landscapes ripe for commercial agricultural exploitation or as rich biological storehouses for scientific classification and cataloguing“ (RAMBUKWELLA 2009: 1).
Das koloniale, ökonomische Expansionsstreben des 17. und 18. Jahrhunderts spiegelt sich auch in (literarischen) Imaginationen der Paradiesinsel wider. So etwa im Topos der Schatzinsel oder im Genre der Robinsonaden, in denen Figuren wie Robinson Crusoe als „perfekte Verkörperung dieses nüchtern-merkantilen Geistes und des ökonomischen Individualismus“ (BÖRNER 1984: 112) fungieren. In diesen Erzählungen eignen sich die Protagonisten ferne Inseln an und nutzen sie ökonomisch – literarisch wird hier koloniale Ausbeutung als individuelles Fortschrittsnarrativ formuliert. Parallel zu diesen kolonial-ökonomisch geprägten Imaginationen entwickelten sich im europäischen Kontext weitere Bilder der paradiesischen Insel, in denen sich die Ambivalenzen aufklärerischen Denkens deutlich spiegeln – etwa zwischen Fortschrittsglauben und Zivilisationskritik. Als Schlüsselfigur kann hier Jean Jaques Rousseau angeführt werden. Auch wenn in seinem Werk keine direkten Inselbilder erscheinen, lassen sich seine Überlegungen hinsichtlich eines Naturzustand als idealisierter Gegenwelt zur korrumpierten Zivilisation im Sinne eines säkularisierten Paradiesmotives lesen (vgl. BÖRNER 1984: 118ff.). Damit wird deutlich, dass sich auf die Imagination der Paradiesinsel in dieser Zeit unterschiedliche, teils sehr ambivalente gesellschaftliche Sehnsüchte projizieren, die zwischen kolonialen Eroberungsfantasien und sozialen Utopien pendeln.
Bis heute haben sich Paradiesbegriffe noch weiter ausdifferenziert. Paradiese sind bei weitem nicht mehr (nur) religiös konnotierte Begriffe oder unerreichbare Gegenwelten. Vielmehr wird der Begriff metaphorisch für Orte verwendet, die entweder als imaginäre, phantastische Orte existieren oder geographisch lokalisierbar und faktisch existent sind und an denen Wünsche über ökonomische, konsumistische Prozesse erfüllt werden können. Hierzu zählen beispielsweise Urlaubsparadiese, „die als Fremde idealisiert werden, weit entfernt liegen oder schwer zugänglich sind und ihre Glücksversprechen daher nur dann einlösen müssen, wenn man sich auf sie zu bewegt“ (Benthien/Gerlof 2010: 21).
In diesem Spannungsfeld lässt sich auch Mauritius verorten – genauer gesagt der die Insel umgebende Paradiesmythos, der in jenen ambivalenten Dynamiken verwurzelt ist, die sich aus dem Zusammenspiel idealisierter Natur- und Gesellschaftsvorstellungen einerseits und kolonialen Bezügen andererseits ergeben.
2. Crossmediale Konstruktionen von Mauritius als Paradiesinsel
Die crossmediale Konstruktion von Mauritius als Paradiesinsel knüpft an die zuvor skizzierten theoretischen Rahmungen an. So bildet das Zeitalter des Kolonialismus auch hier einen zentralen Ausgangspunkt und Rahmen kulturgeschichtlicher Beschreibungen und Imaginationen der Insel, in deren Kontext sie immer wieder als ‚Wunschraum‘ beschrieben wurde. Bezugnehmend auf die umrissenen Paradiesdiskurse steht Mauritius exemplarisch für die Bestrebungen der (Bestrebungen europäischer Akteure) Akteure des 18. Jahrhunderts, „ohne mythologische Verweise und ohne die tradierten Bildwelten die geographische Utopie im Bild scheinbar realistischer Landschaften und Handlungen neu zu gestalten“ (BÖRNER 1984: 120). Von dieser Beobachtung ausgehend werden im Folgenden drei Facetten crossmedialer Konstruktionen von Mauritius als irdischer Paradiesinsel in den Blick genommen. Es handelt sich um zeitlich und räumlich different, aber miteinander verschränkte Perspektiven: (2.1) koloniale Paradies-Imaginationen des 18. Jahrhunderts, in denen Mauritius insbesondere in literarischen Werken als exotisch-utopischen Raum entworfen wird, (2.2) gegenwärtige Bildpolitiken touristischer Repräsentationen, die die Insel auf digitalen Plattformen als paradiesisches Setting entwerfen, und (2.3) Zukunftsentwürfe im Rahmen von Real Estate und urbanen Transformationsprojekten und Smart City-Projekten, in denen sich historisch tradierte, aktuelle und zukünftigeParadies-Visionen überlagern.
Auf methodischer Ebene ist die Analyse in der empirischen Sozialwissenschaft verankert. Es wurden Medieninhaltsanalysen durchgeführt, um die visuellen und narrativen Inszenierungen in u. a. Literatur, Marketingmaterialien, Imagefilmen und Instagram-Posts zu erfassen. Ergänzt werden diese Erkenntnisse durch eine seit 2022 laufende Feldforschung, die qualitative Interviews mit lokalen Akteuren und ethnographische Methoden (u. a. Eventethnographie, teilnehmende Beobachtung) in ausgewählten Kontexten (z. B. Tourismus- und Smart City-Projekten) umfasst. Eine Kombination dieser methodischen Zugänge hat sich als geeignet erwiesen, um die crossmedialen Konstruktionen von Mauritius als Paradiesinsel fundiert zu untersuchen. Es sei jedoch darauf verwiesen, dass im Rahmen des vorliegenden Beitrags nur einige ausgewählte Schlaglichter auf die äußerst komplexen Zusammenhänge der hier behandelten Thematik gesetzt werden können.
2.1 “A Sentimental Domain”: Die literarische Erfindung des Paradieses in Paul et Virginie
„Apparently, there has been only one prominent event in the history of Mauritius, and that one didn’t happen. I refer to the romantic sojourn of Paul and Virginia here. It was that story that made Mauritius known to the world, made the name familiar to everybody, the geographical position of it to nobody” (TWAIN 1925: 292).
Mit diesem Satz verweist Mark Twain in seinem Reisebericht – der selbst als Teil kolonialer Literatur zu lesen ist – auf die dominante Rolle einer fiktive Erzählung in der Imagination von Mauritius: Paul et Virginie, der 1788 erschienene Roman von Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre, einem Schüler Rousseaus. Der Roman, der zur Zeit der französischen Kolonialherrschaft auf der Île de France spielt, gilt als ein zentraler Ursprung des Paradiesmythos von Mauritius[5]. Die Liebesgeschichte der titelgebenden Figuren hat die kollektive Imagination der Insel über Jahrhunderte geprägt – obwohl, oder gerade weil, sie nie stattgefunden hat (vgl. LÜSEBRINK 1999; ISSUR 2022).
Der Roman erzählt die Geschichte von zwei Kindern französischen Auswanderinnen, die inmitten einer tropischen, idyllischen Naturlandschaft wie Geschwister aufwachsen. Er entwirft dabei das Bild eines „aufgeklärt-tugendafte[n], aber immerhin doch tropisch-bunte[n] Paradies[es]“ (BÖRNER 1984: 119), das in Kontrast zur europäischen Zivilisation steht. Der Text ist durchzogen von Schilderungen „eines sonnigen, fruchtbaren, tropisch-üppigen Gartens der Natur, fern von den korrumpierenden Einflüssen der Zivilisation“ (ebd.: 120). Die vorgestellte Gesellschaft ist geprägt von natürlichen Tugenden, kennt keine sozialen Zwänge oder Materialismus und lebt in harmonischer Wechselwirkung mit einer fruchtbaren, intakten Natur. Bereits im Vorwort betont der Autor sein Anliegen, die Schönheit der tropischen Natur mit der moralischen Schönheit der kleinen Gesellschaft zu verbinden (vgl. SAINT PIERRE 1797: ii). Diese idealisierte Inselgesellschaft steht dabei in einem scharfen Kontrast zur kolonialen Plantagenwirtschaft. Diese wird im Roman zwar thematisiert, doch wird sie dabei stark verklärt. Kolonialherren gelten als Teil einer dekadenten, entfremdeten Außenwelt, während die versklavten Figuren als fast familiäre Mitglieder der im Fokus stehenden Gemeinschaft beschrieben werden. Der Roman ästhetisiert und verklärt damit koloniale Gewaltverhältnisse. Ausdruck des als harmonisch gezeichneten Gesellschaftsideals ist auch die Beziehung zwischen Paul und Virginie – eine reine, unschuldige Liebe, die sich bereits in der Kindheit etabliert und später verstärkt.
Als Virginie im Fortgang der Geschichte nach Frankreich geschickt wird, um dort gesellschaftliche Tugenden zu erlernen, wird sie ihrem paradiesischen Umfeld entrissen. Die ist ein Zustand, den sie nur kurz erträgt. Ihre Rückkehr auf dem Schiff Saint Géran endet tragisch: Das Schiff zerschellt in einem Sturm vor der Küste der Insel, Paul muss hilflos zusehen und stirbt kurz darauf an gebrochenem Herzen – Szenen, die sinnbildlich für das unwiederbringliche Scheitern der Rückkehr in ein verlorenes Paradies stehen. Trotz des tragischen Endes der Geschichte bildet sie das Fundament für die Imagination von Mauritius als Idealtyp des Paradieses. So ist der darin verwurzelte und seither fortgeschriebene Mythos der paradiesischen Insel fester Bestandteil eines übergreifenden Narrativs über Mauritius geworden (vgl. ORACZ 2015). Vorstellungen von Mauritius als Paradies werden, daran anlehnend, über verschiedenste Medien hinweg tradiert und transformiert und prägen bis in die Gegenwart hinein kollektive Imaginationen und Wahrnehmungen der Insel, sowohl im globalen, auch im lokalen Kontext.
Die Wirkmächtigkeit der Geschichte liegt auch darin begründet, dass der Autor historische Fakten mit fiktiven Elementen vermischt, um den Anschein historischer Authentizität zu erzeugen. Im Vorwort betont er, dass die Ereignisse seines Romans auf wahren Begebenheiten beruhen würden:
„Ich kann versichern, dass die Personen, von denen ich erzählen werde, wirklich gelebt haben und ihre Geschichte in ihren wichtigsten Ereignissen wahr ist. Sie wurden mir von mehreren Einwohnern bestätigt, denen ich auf der Île de France begegnet bin. Ich habe nur einige unbedeutende Umstände hinzugefügt, die aber, da sie für mich persönlich sind, auch in dieser Hinsicht Wirklichkeit sind“ (SAINT PIERRE 1797: iii; eigene Übersetzung).
Tatsächlich jedoch basiert lediglich das Schiffsunglück der Saint Géran auf einer historischen Begebenheit. Dieses ereignete sich im Jahr 1744, also lange bevor der Autor zwischen 1768 und 1770 auf Mauritius stationiert war (vgl. TIRVENGADUM 1983; LIONNET 2012: 458). Ein Blick in seinen 1773 erschienenen Reisebericht zeigt zudem – wie BÖRNER (1984: 162f.) analysiert – dass zwischen den idyllischen Erzählungen des Romans und den berichtshaften Schilderungen eine „Trennung von idealistischer und realistischer Präsentation eines geographischen Raumes“ (ebd.: 163) besteht. So erscheint die Insel im Reisebericht – ganz im Gegenteil zur Schilderung im Roman – als raue, von Gestrüpp und Insekten überlaufene Landschaft, deren korrumpierten Bewohner:innen permanent von Wirbelstürmen bedroht sind. Diese Diskrepanz lässt sich zum einen auf die unterschiedlichen Zwecke von Reisebericht (Wissensvermittlung) und Roman (Kunstform) zurückführen. Zum anderen liegt eine zeitlich-räumliche Verschiebung zwischen tatsächlichem Lebensraum und imaginiertem Wunschraum vor, denn Saint Pierre verfasst den Roman erst nach seiner Rückkehr nach Frankreich. Erst durch den Abstand in Zeit und Raum wird Mauritius in der Erinnerung des Autors zu einem idealisierten Ort verklärt. Die Insel kann dabei als Projektionsfläche unerfüllter Sehnsüchte gedeutet werden. (BÖRNER 1984: 163).
Der Roman gelangte zu großem internationalem Ruhm. Neben seinem prägenden Einfluss auf die französischsprachige Literatur (vgl. LÜSEBRINK 1999; DOSORUTH 2014) diente der Roman als Inspiration für Opern, Theaterstücke und Filme. Neben dieser kulturellen Bedeutung kam ihm jedoch auch eine politische Rolle zu. So wurde im Rahmen der Friedenskonferenz von Versailles im Jahr 1920 über den Status der damals britischen Kolonie Mauritius diskutiert. Zur Debatte stand, die Insel erneut Frankreich zuzuschreiben. Ein zentrales Argument war dabei ihre emotionale Bedeutung für die dortige Bevölkerung, begründet in der enormen Popularität des Romans, der Mauritius zu einem symbolisch Bedeutsamen Ort in der französischen Vorstellungswelt gemacht hatte. In einem Bericht der New York Times von 1920 heißt es dazu:
„And so, if in the remapping of the world it should happen that the Island of Mauritius should disappear from the large expanse of the British Empire, France and the colonists may give thanks to Jaques Henri Bernardin de Saint-Pierre, who made the island part of the „sentimental domain“ of France“.
Auch auf Mauritius selbst ist das imaginative kulturelle Erbe Saint-Pierres bis heute sichtbar (vgl. DAUS 2012). Die Geschichte von Paul und Virginie hat sich vielerorts symbolisch und materiell eingeschrieben – Fakt und Fiktion verschmelzen als Teil eines lokalen Place Making bis in die Gegenwart. Diese Verankerung zeigt sich in etwa in Form von Ausstellungen, Gedenkstätten oder Statuen, die an das tragische Liebespaar erinnern, um nur einige Beispiele zu nennen. In Bezug zum beschriebenen Paradies-Topos erscheint es kaum zufällig, dass die bekannteste Statue unweit des botanischen Gartens bei Pamplemousses zu finden ist. Hierbei handelt es sich um einen während der Kolonialzeit angelegten Schaugarten, an dem die Vorstellung einer paradiesischen Natur heute vor allem von Tourist:innen nachvollzogen werden soll (vgl. Abb. 1). Auch an anderen Orten lässt sich die Touristifizierungen des Mythos erkennen. So trägt etwa ein bekanntes Hotel den Namen Paul et Virginie. Es richtet sich explizit an Paare, die einen romantischen Urlaub in Harmonie mit der Natur verbringen möchten (vgl. Veranda Resorts 2025). Hier zeigt sich exemplarisch, wie die romantisierte Darstellung der Insel in der touristischen Vermarktung fortgeschrieben und zugleich neu inszeniert wird. Der Touristifizierung dieses Topos widmet sich vertiefend der nachfolgende Abschnitt.
Abb. 1:
Statue von Paul und Virginie auf Mauritius
Quelle: Benoît Prieur – Own work, CC0, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=87855038

2.2 #paradiseonearth: Touristifizierte Paradiesvorstellungen
Wie Deckard (2007) herausstellt, hat sich die kolonial verankerte Suche nach dem Paradies im Kontext von Dekolonisierungsprozessen keineswegs aufgelöst, sondern vielmehr neu formiert – u. a. im Spannungsfeld des globalen Tourismus. Tropische Inseln werden hier zu kommodifizierten Sehnsuchtsorten, deren Darstellung maßgeblich von kolonial geprägte Paradiesnarrativen strukturiert ist. Dies gilt auch für Mauritius. Die Insel hat sich seit den 1970er-Jahren dem internationalen Tourismus geöffnet hat und dabei vor allem auf das hochpreisige Luxussegment setzte (SOMMERLAD 2021). Dabei zeigt sich, dass touristische Akteure in ihren Praktiken immer wieder koloniale Imaginationen reifizieren und diese in die touristifizierten Landschaft einschreiben. Besonders sichtbar etwa ist dies im Bereich touristischer Hotelressorts, die oftmals kolonialer (Plantagen-)Architektur nachempfunden sind und in der Literatur als “Enklaven” bezeichnet werden (vgl. KOTHARI/WILKINSON 2020). Bereits etablierte Paradiesvorstellungen werden in klassischen Reiseführern, Marketingkampagnen touristischer Akteure aufgegriffen sowie, oftmals in Referenz zu touristischen Narrativen, in audiovisuellen Formaten wie Spielfilmen und TV-Serien, fortgeschrieben und medial verbreitet. Diese imaginierten Geographien basieren maßgeblich auf historischen Machtverhältnissen, die in neue visuelle und narrative Formen überführt werden. Tourismus fungiert in diesem Kontext als postmoderne, Mythenmaschine, deren visuelle Inszenierungspraktiken im Folgenden kritisch analysiert werden. Im Fokus steht dabei die Plattform Instagram, die einen bedeutenden Einfluss auf Reiseentscheidungen, -erwartungen und touristisches Verhalten ausübt (vgl. NARANGAJAVANA et al. 2017).
Instagram setzt die historische Verbindungen zwischen Tourismus und Bildmedien – etwa Postkarten, Reisekatalogen oder Urlaubsfotos – fort und transformiert sie zugleich. Als „Ausdruck für die untrennbare Verflechtung von neuen Medien und Reiseerfahrungen im digitalen Zeitalter“ (WINSKY/ZIMMERMANN 2020: 317) kann die Plattform als zeitgenössische Ausprägung und Intensivierung des tourist gaze interpretiert werden (vgl. URRY/LARSEN 2011; MERKLE 2021: 16). In Anbetracht der Kürze des vorliegenden Beitrags” streichen – Satz ändern in: „Im Folgenden werden diese Zusammenhänge anhand zweier Beispiele schlaglichtartig verdeutlicht:[6] Zunächst zeigt eine Analyse des englischsprachigen Instagram-Accounts der Mauritius Tourism Promotion Authority (MTPA, Instagram-Account: @mauritius.tourism)[7], dass sich ein Großteil der Beiträge – sowohl auf der Bildebene, als auch in den Captions – entlang zweier zentraler Motivlinien bewegt: der ästhetisierten Inszenierung paradiesischer Naturlandschaften sowie der Darstellung eines local lifestyle. Die Verbindung beider Motive verweist auf den bereits in Paul et Virginie angelegten Paradies-
Topos, der hier eine visuelle Fortsetzung erfährt und wird über wiederkehrende Bildstrategien fortgeschrieben.
Hinsichtlich der Landschaftsinszenierung sind Drohnen- oder Schrägluftaufnahmen von weißen Sandstränden und türkisblauem Wasser, häufig menschenleer oder mit einem einzelnen, meist weißen, Individuum oder einem heteronormativen Paar, typisch. Hierdurch wird der Eindruck einer einsamen Insel hervorgerufen, die von Reisenden konsumiert werden kann. Ergänzt werden diese Bilder durch Nahaufnahmen von Flora und Fauna in satt-bunten Farben sowie durch Landschaftsbilder, etwa von Bergpanoramen, Wasserfällen, der Unterwasserwelt oder Zuckerrohrfeldern. Letztere erscheinen meist nicht als Spuren kolonialer Plantagenwirtschaft, sondern werden als natürliche Bestandteile einer scheinbar unberührten Umwelt gerahmt (vgl. Abb. 2, oben links). Die Naturaufnahmen erscheinen dabei häufig in weichem Licht, das eine romantisch-idealisierte Atmosphäre transportiert.
Für die Inszenierung lokaler Kultur umfasst das Repertoire v.a. Food-Fotografie, die Darstellung kultureller Praktiken wie Tänze oder religiöse Zeremonien sowie Bilder und Bildunterschriften, die das häufig bemühte stereotypisierende Narrativ einer multikulturellen, friedlich-koexistierenden Inselgesellschaft[8] unterstützen. Dieses Narrativ wird visuell durch Porträts von so bezeichneten Locals gestützt – Aufnahmen von Personen, denen eine unterschiedliche ethnische Zugehörigkeit zugeschrieben wird, unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit, die symbolisch für die harmonische Gemeinschaft der Insel stehen sollen (vgl. Abb. 2, oben rechts; Caption: „Our friendly islanders are the best thing about Mauritius. As a country of many influences, languages and religions, we have an inclusive culture and a no-stress approach to life“). In ihrer Darstellung tragen sie zur Aufrechterhaltung eines idealisierten Bildes von Mauritius als einem Ort kultureller Vielfalt und sozialer Harmonie bei, wie sie bereits im Roman von Saint-Pierre imaginiert. Dies lässt sich als mediale Reproduktion kolonialer Imaginationen interpretieren, die hierbei in die (Bild-)Sprache sozialer Medien überführt und an dort dominante Ästhetiken und touristisch-kommerzielle Logiken angepasst wird.
Diese Beobachtung setzt sich insbesondere in Bezug auf Travel-Influencer:innen fort, welche als zentrale Kommunikator:innen dieses persistenten Paradiesmythos im Tourismus identifiziert werden können. Wie MERKLE (2020) in ihrer Studie herausarbeitet[9], kennzeichnen sich entsprechende Posts insbesondere durch die (Re-)Konstruktion von Paradies-Assoziationen durch die Fortschreibung kolonialer Blickwinkel. Die Mehrheit der analysierten Instagram-Posts instrumentalisiert Mauritius‘ Naturlandschaft als visuelle Kulisse, um den bekannten Paradiesdiskurs via Hashtags wie #paradise, #paradiseisland oder #paradiseonearth zu perpetuieren. Dabei dominieren auf der visuellen Ebene Aufnahmen von weißen Sandstränden mit Palmen, sowie Darstellungen von Wäldern, exotischen Pflanzen und dem türkisblauen Wasser des Indischen Ozeans. Wie Merkle anhand von Interviews mit den Urheber:innen herausarbeiten konnte, reifizieren die Reisenden durch ihre fotografische Praxis Vorstellungen von bzw. Erwartungen an ein vermeintlich paradiesischen Reiseziels, die bereits durch frühere visuelle Narrative angelegt bzw. geprägt wurden (vgl. MERKLE 2020: 53, 57f.). Sie bedienen sich dabei Perspektiven und Bildstrategien, die in kolonialen Diskursen verankert sind – etwa durch die Konstruktion eines exotischen, unberührten Naturraums.
Besonders eindrücklich zeigt sich die Persistenz eines kolonialen Blicks auf die mauritische Naturlandschaft in Bildern, in denen sich die Influencer:innen selbst als Teil der dargestellten Landschaft inszenieren und die Rolle von Entdecker:innen einnehmen. Oft sind sie dabei aus der Distanz abgebildet und mit dem Rücken zur Kamera positioniert, und blicken in eine scheinbar menschenleere Landschaft hinein – ein Bildmotiv, das als visuelle Aneignung der Insel gedeutet werden kann. Hier finden sich auch Beispiele, in denen auf sprachlicher Ebene sogar direkt auf koloniale Akteure verwiesen wird, mit denen sich Reisende identifizieren sollen (vgl. Abb. 2, unten links. Caption: „It takes around two hours to hike to the top and you’ll be following in the footsteps of Charles Darwin if you do. He made it to the summit back in 1836“). Die Bildsprache suggeriert, dass sie die ersten bzw. einzigen Menschen seien, die diese Orte betreten. „Im wilden, naturbelassenen Gegensatz zum zivilisatorischen Europa inszenieren sich die Influencer*innen als Abenteurer*innen und Entdecker*innen“ (Merkle 2020: 80). Damit greifen sie – ob bewusst oder unbewusst kann hier nicht abschließend bewertet werden – auf eurozentristische Narrative der Entdeckung und Erschließung vermeintlich unbewohnter Räume zurück.
Abb. 2:
Touristische Paradies-Inszenierung auf dem Instagram-Account der Mauritius Tourism Promotion Authority (@mauritius.tourism)
(oben links: https://www.instagram.com/p/CpfaJreM8G2/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==; oben rechts: https://www.instagram.com/p/CUp6xWGIdv-/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==; unten links: https://www.instagram.com/p/COQYKwehMtT/?utm_source=ig_web_copy_link; unten rechts: https://www.instagram.com/p/CY_BIfXovOV/?utm_source=ig_web_copy_link)

2.3 „Live, Work, Play in Paradise“: Neu gebaute Paradiese
Die COVID-19 Pandemie im Jahr 2020 stellte für den Tourismus auf Mauritius eine Zäsur dar. Die mehrmonatige Grenzschließung brachte den Tourismus – eines der zentralen wirtschaftlichen Standbeine der Insel – nahezu vollständig zum Erliegen. Um die touristische Entwicklung wieder anzukurbeln, entwickelten zentrale Akteure neue Strategien. Hierzu zählt u. a. ein Premium-Visa, das internationalen Reisenden – insbesondere Tourist:innen, Berufstätigen und Rentner:innen – einen Aufenthalt von bis zu einem Jahr ermöglicht. Zu den zentralen Versprechungen zählt, dass Interessierte während ihres Aufenthaltes die natürliche Schönheit der Insel erleben und einem ausgewogenen, harmonischen Lebensstil nachgehen können – womit der bekannte Paradiestopos reifiziert wird. Angeleitet wird dies von dem offiziellen Motto „Live, Work, Play in Paradise“ (vgl. Mauritius Now 2025; Economic Development Board Mauritius 2021). Da diese Zielgruppen aufgrund des längeren Aufenthalts meist nicht das klassische Hotelresorts als Aufenthaltsort wählen, rücken nun andere Orte und Räume in den Fokus, an denen (im übertragenen Sinne) das Paradies neu gesucht und gefunden werden soll. In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass der altbekannte Paradies-Topos zwar weiterhin auf ähnliche Muster zurückgreift, gleichzeitig jedoch auf symbolischer, wie materieller Ebene eine Transformation erfährt – vor allem in dafür neu gebauten Settings. Einer der Ankerpunkte hierfür sind die überall auf der Insel entstehenden Real Estate Projekte und urbane Transformationsprojekte (wie beispielsweise “Smart Cities”), die darüber hinaus auch z. B. für Expats attraktive Aufenthaltsorte darstellen[10]. Während erstere in vielfältiger Form existieren – von individuellen Villen, über Real-Estate-Komplexe bis hin zu ummauerten Gated-Communities, handelt es sich bei zweiteren meist um großflächige, multifunktionale urbane Neubauprojekte, die als private Städte vom lokalen Wirtschaftssektor geplant und gebaut werden mit dem Ziel, zukunftsfähige, transformative urbane Settings zu schaffen. Diese entstehen häufig auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Zuckerrohrfeldern. Basis für ihre Entstehung ist das so genannte Smart City-Scheme[11], das den Bau solch integrierter urbaner Zentren fördert (vgl. Economic Development Board Mauritius 2025). Durch ihre Ausstattung und ihr Design richten sich Smart Cities u. a. an Personen, die zur Zielgruppe des Premium-Visums zählen sowie an Expats. So finden sich auf ihren Arealen hochmoderne Co-Working-Spaces und moderne Bürogebäude, die für global agierende Firmen und digitale Nomad:innen attraktiv sind, ebenso wie hochwertig ausgestattete Apartments und eine Vielzahl an Freizeit- und Kulturangeboten. Während einige dieser Settings den Paradiesbegriff nur vage und metaphorisch nutzen, etwa zur Bewerbung als Shopping- oder Urlaubsparadies, gibt es Projekte, die explizit auf den zuvor beschriebenen Paradies-Topos Bezug nehmen und ihn gewissermaßen in ihre gebauten, materiellen Strukturen integrieren.
Das Projekt Ferney – Tropical Agrihood, das im Südwesten der Insel entsteht, wird hier als Beispiel herangezogen, um diesen Aspekt zu skizzieren. Das Areal gehört zu einem Naturreservat, La Vallée de Ferney. Es liegt unweit der Stadt Vieux Grand Port – dem historischen Ort, an dem die ersten Kolonisten unter niederländischer Flagge anlandeten. Das Projekt verbindet die Idee einer existenten fruchtbaren Natur mit aktuellen Diskursen um Nachhaltigkeit, Nahrungssicherheit und einem umweltbewussten Lebensstil. Es wird beworben eine grüne und nachhaltige Utopie, die auf dem bereits bekannten Paradies-Topos aufbaut, diesen allerdings auch wandelt von einem ästhetisch konsumierbaren Paradies hin zu einem, das mit neuen Funktionalitäten aufgeladen ist. So soll es den potenziellen Bewohner:innen ermöglicht werden, in unmittelbarer Nähe zu den üppigen Wäldern und Gärten des Naturreservats, die sie im Sinne einer Selbstversrogerlogik ernähren sollen, Teil eines „agro-residential developments“ (La Valle de Ferney 2025a) zu werden. Versprochen wird ein sozialökologisch orientierter, nachhaltiger Lebensstil. Diese Versprechungen lassen sich jedoch, betrachtet durch eine postkoloniale Perspektive, kritisch dekonstruieren. Wichtig ist es in diesem Kontext zunächst auch die Machtstrukturen hinter dem Projekt zu betrachten. So steht hinter der Tropical Agrihood ein großes Unternehmen, das von einem Teil der franco-mauritischen Elite geführt wird – den Nachkommen weißer, französischer Kolonist:innen, die nach dem Übergang der Kolonialherrschaft an die Briten ihre wirtschaftliche Vormachtstellung bewahrten und auch im postkolonialen Mauritius weiterhin eine zentrale ökonomische Rolle innehaben (vgl. SALVERDA 2015). Ihnen gehör(t)en die Zuckerrohrplantagen und dazugehörigen Areale, die bis heute das Landschaftsbild prägen und mittlerweile – wie im Fall von Ferney – an vielen Orten in neue Nutzungsformen überführt werden. Eine Analyse der Website, Broschüren und audiovisueller Begleitmaterialien zeigt, dass die koloniale Vergangenheit des Areals auf visueller, sprachlicher und gestalterischer Ebene vielfältig aufgegriffen wird. Die bildliche, wie die (audio-)visuelle Inszenierung des Agrihood-Konzepts ist durchweg mit kolonial-nostalgischen und romantischen Bildern und Narrativen durchzogen, die durchaus an die Beschreibungen Saint Pierres in Paul et Virginie erinnern. Einmal mehr steht im Fokus eine scheinbar leere Naturlandschaft, in der einige wenige Akteure (in diesem Fall eine weiße Familie, die über mehrere Generationen hinweg begleitet wird; vgl. Abb. 3 unten links) die Gegend pionierhaft erkunden, entdecken und sich aneignen (vgl. Abb. 3, unten rechts). In scheinbar enger Verbundenheit mit der sie umgebenden Naturlandschaft zelebrieren sie einen luxuriösen, harmonischen Lebensstil – es wirkt, als seien sie die einzigen Menschen auf der Insel und könnten sich aus einem schier unendlich erscheinenden Paradiesgarten bedienen. Jegliche Bezüge zum multikulturellen Alltagsleben auf Mauritius oder Kontakt zur einheimischen Bevölkerung fehlen. Auch auf architektonischer Ebene schreiben sich koloniale Bezüge ein – etwa durch die Übernahme von Elementen ehemaliger Plantageninfrastruktur wie dem Schornstein, der als historisierendes Artefakt neu errichtet wurde (vgl. Abb. 3, oben). Zudem verweist u. a. die Marketingbroschüre darauf, dass die Architektur der dort entstehenden Farmhäuser inspiriert sei vom Architekturstil der niederländischen Siedler, die sich einst in der Region niederließen (La Valle de Ferney 2025a).
Abb. 3:
Screenshots aus der Marketingbroschüre von Ferney Tropical Agrihood
(vgl. La Vallee de Ferney 2025a).

Diese Ästhetisierung und Neuerzählung kolonialer Vergangenheitsaspekte lassen sich auch in zahlreichen anderen Projekten auf der Insel beobachten. Die dabei vermittelte Inselutopie erscheint hier nicht als post- oder dekoloniale Auseinandersetzung mit der kolonialen Historie, sondern als deren ästhetisierte und durch technologische Zukunftsversprechen überformte Fortschreibung. Mauritius wird hier zu einem paradiesischen Wunschraum für eine zahlungskräftige, globale, hypermobile Zielgruppe, die affin ist für diesen Lebensstil und ihn sich leisten kann. Das ehemalige Areal der Zuckerrohrplantage wird in diesem Kontext zu einem exklusiven Lifestyle-Territorium für wohlhabende Expats und neue Eliten transformiert und bleibt zugleich, materiell wie ideell, verhaftet in kolonialen Mustern. Die Tropical Agrihood, wird zu einem irdischen, smarten Garten Eden 2.0 stilisiert – einer „alluring time capsule“ (La Vallee de Ferney 2025b), in der sich die koloniale Vergangenheit und das Narrativ einer nachhaltigen Zukunft.
3. Abschlussreflexion: Mauritius als post/koloniales Paradies?
Anliegen des Beitrages war es, Überlegungen zu crossmedialen Paradiesmythen am Beispiel von Mauritius darzulegen und damit einen Beitrag zur Diskussion um mediale Inszenierungspraktiken und narrative Raumproduktionen in (post)kolonialen Kontexten anzubieten. Ein zentraler Ausgangspunkt war die Annahme, dass die Vorstellung von Inselparadiesen kein neutraler Sehnsuchtsraum ist, sondern ein kulturell codierter und machtvoll aufgeladener Topos, der in spezifische Bildpolitiken und Narrative eingebettet ist. Aufbauend auf konzeptionelle Rahmungen zum Topos irdischer Paradiesinseln wurden anhand ausgewählter Beispiele Aspekte crossmediale Inszenierungsmuster im Kontext von Mauritius skizziert. In diesem Kontext wurde die Insel als paradiesischer Wunschraum analysiert, der sich entlang dreier miteinander verflochtener Zeitebenen entfaltet: Einer historischen Verankerung im 18. Jahrhundert, touristischen Narrativen und Bildpolitiken der Gegenwart und transformativen Zukunftsentwürfen. Da „Paradiesvorstellungen […] nicht allein zeitlich, sondern auch räumlich strukturiert“ (BENTHIEN/GERLOF 2010: 22) sind, spiegelt sich der thematisierte Paradiesmythos in unterschiedlichen räumlichen Settings wieder, welche als ausgewählte Beispiele für die Analyse herangezogen wurden: Die literarische Paradiesimagination im Spannungsfeld von Saint Pierres Roman Paul et Virginie, die sich bis in die Gegenwart hinein auf Mauritius materialisiert, touristische Paradiesinszenierungen auf digitalen Plattformen, welche als neue Form des travel-writing dechiffriert werden können, und im hochgradig mediatisierten Kontext gegenwärtiger Transformationsprojekte, die gegenwärtig auf den Flächen ehemaliger Zuckerrohrplantagen auf Mauritius entstehen.
An dieser Stelle können die Erkenntnisse in drei zentrale Kernthesen überführt werden, welche zugleich als Resümee der Analyse zu verstehen sind.
1. Es wird deutlich, dass die Konstruktion von Mauritius als Paradiesinsel tief in kolonialen Imaginationen verwurzelt ist. Die wirkmächtigen Narrative, wie sie u. a. im Roman Paul et Virginie angelegt sind, beeinflussen bis heute Vorstellungen, Inszenierungen und Ästhetiken von Mauritius als Paradiesinsel, auf der sich ein exotisches Naturidyll mit einer friedlich-harmonischen Gesellschaftsordnung vereinigt. Hierdurch wird eine exotisierende Raumsemantik etabliert, welche koloniale Ausbeutungsmechanismen ästhetisch überblendet.
2. Gegenwärtige medialen Repräsentationen und Inszenierungen von Mauritius greifen diese kolonialen Tropen auf und reproduzieren damit assoziierte Bild- und Vorstellungswelten. Eine zentrale Rolle nehmen hierbei touristische Akteur:innen ein – sowohl die Imagekampagnen lokaler touristischer Stakeholder als auch die Instagram-Feeds internationaler Reisende bzw. Travel-Influencer:innen. Tradierter Erzähl- und Visualisierungsmuster werden in diesem Kontext crossmedial fortgeschrieben. In den damit einhergehenden Bildpolitiken und medialen Inszenierungen verschränken sich koloniale Vorstellungen mit touristifizierten Lifestyle-Idealen, die auf Mauritius projiziert werden.
3. In aktuellen Diskursen – z. B. in Bezug auf die zukünftige Transformation der Insel – zeigt sich, dass der Paradiestopos auch heute weiterhin wirksam ist. So verknüpfen beispielsweise die omnipräsenten Smart City-Projekte nachhaltige Zukunftsversprechen mit Bildern eines harmonischen und naturnahen Lebens, die sich maßgeblich an eine globale Elite richten. Die raumwirksamen Imaginationen der exklusiven Paradiesinsel Mauritius in solchen Großprojekten scheinen innovativ, bleiben jedoch in tradierten, kolonial verankerten Ikonographien und Narrativen gefangen. In postkolonialer Perspektive repräsentieren diese Kontinuitäten, Reproduktionen oder gar Re-Definitionen des Paradiesmythos mit (neo)kolonialen Tendenzen.
Diese zusammenfassenden Perspektiven verdeutlichen, dass das allgegenwärtige Paradiesnarrativ im Kontext von Mauritius nicht nur als historisches Erbe, sondern als gegenwärtig wirkmächtige, medial gestützte Raumerzählung und Deutungsrahmen verstanden werden muss. Der crossmedial konstruierte Mythos der Insel als ‚irdisches Paradies‘ fungiert dabei nicht nur als ästhetische Kulisse, sondern als hegemoniales Deutungsregime das alternative Sichtweisen
marginalisiert und bestehende Machtverhältnisse stabilisiert. Ausblickend stellt sich die Frage, wie mit diesen Kolonialitäten umgegangen werden kann – und welche post- bzw. dekolonialen Öffnungen denkbar und möglich sind. Der vorliegende Beitrag hatte es primär zum Ziel, diese tradierten Narrative nachzuzeichnen bzw. zu dekonstruieren und somit koloniale Verflechtungen sichtbar zu machen. Eine daran anschließende, weiterführende post- bzw. dekoloniale Perspektive sollte zukünftig noch vertiefender solche Machtasymmetrien in den Blick nehmen, die in alltäglichen Raumproduktionen wirksam werden. Dabei könnten aufgezeigt werden, wie sich diese in medialen Inszenierungen verfestigen oder auch irritieren lassen. Gerade die Wechselwirkungen zwischen medialen Bildern, touristischen Erwartungen und alltäglichen Lebenswelten bieten hier zahlreiche Anknüpfungspunkte.
Ebenso bedarf es verstärkt der Sichtbarmachung alternativer Perspektiven und narrativen Gegenräume. Diese finden sich u. a. in vielfältiger Art und Weise in literarischen, filmischen oder künstlerischen Arbeiten lokaler Akteur:innen. In solchen wird Mauritius nicht länger als exotisierter Sehnsuchtsort, sondern als komplexer, historisch wie gegenwärtig umkämpfter und vielschichtiger Raum verhandelt. Dabei werden stereotype, romantisierte und verklärte Vorstellungsbilder nach und nach abgeschüttelt und alternative Sichtweisen etabliert. Solche Gegenentwürfe, die im Rahmen postkolonialer akademischer Perspektiven bereits in vielfältiger Art und Weise aufgegriffen werden (vgl. u. a. ISSUR 2017, 2024; BOOLUCK-MILLER 2024; EL KHOURY/OBEEGADOO 2023), eröffnen spannende Möglichkeitsräume, in denen Mauritius als metaphorisches Paradies nicht länger als Projektionsfläche (neo)kolonialer Sehnsüchte verbleibt, sondern in narrativen Prozessen neu erzählt, neu verhandelt und neu gedacht werden kann. Somit bieten sie das Potenzial, dominante Paradiesvorstellungen zu dekolonisieren und neue, plurale Lesarten von Mauritius zu ermöglichen, die den Komplexitäten der Insel gerecht(er) werden.
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Elisabeth Sommerlad ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) in der Arbeitsgruppe Humangeographie am Geographischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nach einem Studium der Geographie, Soziologie und Publizistik promovierte sie mit einer filmgeographischen Arbeit zur filmischen Inszenierung interkultureller Begegnungen am Beispiel New York City. Ihre aktuelle Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von sozialgeographischer Stadtforschung, kritisch-reflexiver Tourismusgeographie und Mediengeographie. Derzeit beschäftigt sie sich u. a. mit Fragen zu Nachhaltigkeitsutopien, urbanen Zukünften und Placemaking in der Region des Indischen Ozeans – mit besonderem Fokus auf die postkoloniale Transformation von Mauritius. Mediale Imaginationen spielen hierfür eine zentrale Rolle. Ihre Arbeit zeichnet sich durch interdisziplinäre und kritisch-reflexive Perspektiven aus.
Fussnoten
1 Die Republik setzt sich aus der Hauptinsel Mauritius, der Insel Rodrigues sowie mehreren vorgelagerten Inseln und Archipelen zusammen, darunter das Chagos-Archipel, Agaléga, Tromelin und Saint Brandon. Die Gesamtheit der Inseln sowie der sie umgebende Ozean konstituieren einen Ocean State, dessen Areal sich auf 2,3 Millionen km2 beläuft. Betrachtet man nur die Hauptinsel Mauritius, die im Fokus des vorliegenden Beitrags steht, so umfasst das dortige Festland lediglich 1.860 km2 – ein Grund dafür, dass Mauritius auch als Small Island Development State (UN Definition) bezeichnet wird (vgl. ISSUR 2020: 117ff.; OSMAN 2010; MUNAVVAR 1995)
2 Der Reisebericht beschreibt Twains Schiffsreise um die Welt und besteht maßgeblich aus subjektiven Beschreibungen, die er an den verschiedenen Reisen seiner Reise getätigt hat. Es finden sich in den Erzählungen zahlreiche humorvolle, aber auch kritische Kommentare, die u. a. die Gruppe der Mitreisenden betreffen, aber auch lokale Kontexte. In Kapitel 62 geht TWAIN auf Mauritius ein.
3 Zu den Vorstellungen paradiesischer Gärten Eden in verschiedenen Weltreligionen vgl. den Abschnitt Zur religiösen Imagologie des Paradieses in BENTHIEN/GERLOF 2010 mit Beiträgen von u. a. ROSENKRANZ VERHELST 2010 und HEINE 2010 sowie die Ausführungen von KRAUSS 2004.
4 Vgl. für eine umfassende Auseinandersetzung mit den sehr vielfältigen Facetten irdischer Paradiese
Börner (1984). Der vorliegende Beitrag kann an dieser Stelle nur einzelne Schlaglichter setzen.
5 Selbstverständlich ist Paul et Virginie als Teil eines erweiterten Literaturkorpus zu betrachten, der in diesem Diskurs eine Rolle spielt. Aufgrund seiner herausragenden Stellung wird in diesem Kapitel ein Fokus auf diesen Roman gelegt.
6 Hierfür nehme ich zum einen Bezug auf ein laufendes Projekt, das sich aus postkolonialer Perspektive mit der Inszenierung von Mauritius in zeitgenössischen medientouristischen Diskursen befasst. Zudem verweise ich auf die Masterarbeit von Julia Merkle zum Thema „Instagram-Posts als neue Form des travel writing“, die im Jahr 2020 am Geographischen Institut der JGU Mainz von mir betreut wurde.
7 Der Analysekorpus umfasst Posts, die nach dem Relaunch des Tourismus nach der Coronapandemie (Frühjahr 2021) und Juli 2023 gepostet wurden. Ein Dank richtet sich an Celina Leßke und Leon Spindler, die die Zusammenstellung und Analyse des Bildkorpus als studentische Mitarbeitende unterstützt haben.
8 Mauritius wird in alltagsweltlichen Diskursen oft als ein Idealmodel einer kulturell pluralistische Gesellschaft angesehen. Diese Setzung wird in der akademischen Literatur äußerst kontrovers diskutiert. An dieser Stelle kann dies nicht weiter vertieft werden, vgl. u. a. ERIKSEN 1997; TSEUNG WONG/VERKUYTEN 2015; COUACAUD 2024.
9 Es wurden insgesamt 232 Posts von sechs deutschsprachigen Travel-Influencer:innen analysiert und ergänzende Interviews mit den Personen durchgeführt (vgl. MERKLE 2020: 27ff.)
10 Im Folgenden beziehe ich mich auf Aspekte, die Teil eines laufenden, empirischen Forschungsprojektes sind.
11 Als alternative Entwicklungsstrategie und Quelle für ausländische Direktinvestitionen hat Mauritius sich durch die Einführung diverser Immobilien-Schemes als Akteur auf dem globalen Immobilienmarkt positioniert. Durch diese Mauritius hat seinen Real Estate-Markt für ausländischen Investoren geöffnet. Das Smart City-Scheme ist das jüngste Programm; mittlerweile gibt es 18 Projekte, die sich in Planung und/oder Umsetzung befinden.
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Citation
Elisabeth Sommerlad: Post/Koloniales Paradies: Überlegungen zu crossmedialen Paradiesmythen am Beispiel von Mauritius. In: IMAGE. Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, Band 43, 9. Jg., (1)2026, S. 63-85
ISSN
1614-0885
DOI
10.1453/1614-0885-1-2026-16818
First published online
Februar/2026
