Von Marcus Stiglegger
Abstract
The movement predominantly employs aesthetically appealing, high-contrast imagery. Its stylised representation of masculinity serves to project strength, discipline, and willingness to sacrifice. Video productions are frequently accompanied by dramatic music and incorporate drone footage, slow-motion sequences, contemporary typography, and black-and-white aesthetics. Content is organised in a clear structure, narrated in an emotive manner, and imbued with pathos. Videos typically conclude with a call to action. On Instagram and Telegram, targeted use is made of memes, infographics, and short-form videos to disseminate narratives such as the “Great Replacement” or “remigration” in youth-oriented language. The designs are minimalist and bold, often employing high-contrast typography and succinct slogans – deliberately crafted to be compatible with other subcultures such as streetwear, gaming, or conspiracy communities.
A central element of the movement’s visual strategy is its deliberate dissociation from conventional neo-Nazi aesthetics. Instead, IB activists present themselves as fashionable start-up founders or political lifestyle bloggers. This visual coding is intended to convey credibility and intellectual sophistication—a calculated strategy of obfuscation designed to mask the underlying ideological content.
1. Neurechte Ästhetik
Es hat sich in den deutschen Medien fest etabliert, nahezu bei jeder Aufdeckung einer rechtsextremen Aktivistengruppe das Foto von klobigen Stahlkappenstiefeln mit weißen Schnürsenkeln zu posten. Dieses Symbolbild signalisiert Gewaltbereitschaft, antidemokratische Gesinnung und einen diffusen Bezug zur Subkultur der rechtsextremen Fraktion der Skinheads (auch bekannt als „Boneheads“), aus der die Neonaziszene einst ihre Ikonografie bezogen hatte. Die „Baseballschlägerjahre” der 1990er-Jahre, die u. a. in den Rostocker Krawallen um das Sonnenblumenhaus 1992 gipfelten, mögen nicht vorbei sein, sie haben heute allerdings ein neues Gesicht: gefälliger, modischer, poppiger. Aus dem braunen Sumpf grölender Rechtsrocker (Landser) und nostalgischer Barden (Frank Rennicke) ist längst ein schwer überschaubares Geflecht unterschiedlicher Strömungen und Einflüsse geworden. Betrachtet man Bilder und Videos rechtsextremer Demos und Festivals der letzten 15 Jahre, kann man verstehen, wenn viele Menschen nicht mehr bemerken, neben wem sie bei einer Demo gehen, die thematisch unterschiedliche politische Spektren vereint. Längst gibt es den rechten Hipster („Nipster“), Metaller („NSBM“) oder HipHoper („Neuer deutscher Standard“) (Batzer 2019: 115). Frauen der rechtextremen Szene können aussehen wie „Tradwives“ oder wie Gothics mit schwarzen Haaren, Undercut und mystischen Tätowierungen. Und nicht zu vergessen: Gerade die Identitäre Bewegung hat in zwei Jahrzehnten europaweit ein bildungsbürgerlich akzeptables Image „rechter Popper“ geprägt, die konsensfähige Kleidungsmarken, modische Frisuren und einen urbanen Lifestyle pflegen und ihre demokratiefeindlichen Bemühungen hinter einer gebildeten und rhetorisch überzeugenden Hülle verbergen. Sie grenzen sich so von den gewaltbereiten freien Kameradschaften ab, die es noch immer gibt, die jedoch nie die Akzeptanz der Mitte erlangen konnten. Mit der Identitären Bewegung änderte sich das, zumal es sich hierbei um eine Institution im ‚Vorfeld‘ politischer Parteiarbeit handelt – ganz so, wie es das neurechte Institut für Staatspolitik in Schnellroda (2025 geschlossen) geplant hatte.
Der folgende Beitrag wird sich mit weitergehenden Codierungsformen beschäftigen, mit denen die Identitäre Bewegung eine neurechte Symbolwelt geschaffen hat, die aus sehr spezifischen mythischen Quellen schöpft, die meist bereits populärkulturell gefiltert wurden. Aus dieser Popmythologie wurde ein radikales eurozentrisches oder selbstbenannt „ethnopluralistisches“ Narrativ gewonnen, das sich für ein größeres Publikum nur mit Kontextwissen erschließt. Dieser Beitrag schließt somit an eine Vorstudie an, die zusammen mit dem Hamburger Soziologen Carsten Heinze erstellt wurden: „Das Spiel mit dem Feuer: Religiosität, Okkultismus, Esoterik, Spiritualität und der Bezug zu nationalsozialistischen/faschistischen Ideologien im rechtsoffenen Musik-Underground“ (Z Religion Ges Polit (2021) 5:531–556 https://doi.org/10.1007/s41682-021-00092-y). Dort finden sich explizite Ausführungen zur Bedeutung und Funktion religiöser Symbole und Mytheme für Teile der rechtsextremen Szene. Die folgenden Ausführungen ergänzen diesen Ansatz um den Zusammenhang zwischen Popmythologie und rechtsidentitärer „Metapolitik“.
2. Die Popkultur der Neuen Rechten In Deutschland
In der ostdeutschen Stadt Halle entstand in den 2010er-Jahren das neurechte Kulturzentrum „Kontrakultur Halle“, aus dessen Umfeld 2017 Patrick B. bzw. Komplott zusammen mit dem bereits etablierten rechten Hiphopper Chris Ares (München) eine E.P. mit dem Titel „Bastion“ veröffentlichte. Die Stücke dieses Album schlugen einen Weg ein, den Komplott auf dem Album „Weiszes Kaninchen“ (2018) ausweitete, bevor das Projekt aufgelöst wurde. Beide Veröffentlichungen hatten bei Erscheinen eine erhebliche Resonanz in der neurechten Szene und gelten noch heute als Orientierung für späteren rechtsnationalen Hiphop wie er auf dem Label NDS erscheint.
Komplott heißt bürgerlich Patrick B. und ist ein ehemaliger deutscher Rapper. Er startete seine Karriere unter dem Namen „Subversiv“. Später wechselte er zur Identitären Bewegung (IB) und begann unter dem Namen „Komplott“ zu rappen, zwei seiner ersten Tracks waren unter anderem „Rap für Europa“ und „Betonblock“, welches er zusammen mit Chris Ares veröffentlichte. Mit Chris Ares nahm er auch 2017 seine erste EP „Bastion“ auf. Auf dieser EP findet sich der erfolgreiche Song „Kaputt“ sowie sein erfolgreichster Song „Widerstand“. Die EP gab es als kostenlosen Download. 2018 veröffentlichte Komplott sein erstes und letztes Album „Weiszes Kaninchen“. Danach beendete er seine Karriere.
Schaut man sich etwa die Lyrics des Liedes „Europa stirbt“ an, werden die wesentlichen Leitmotive und Mytheme bereits deutlich:
„Rom heißt sein Herz, Paris ein anderes / London, Madrid, Berlin und all die ganzen Städte / Und keine Panzerkette, keine Naturgewalt / Kein Wutanfall der Welt konnte sie je auseinander brechen // Diesen Quell dieser Welt, diese götterhafte Schöpferkraft / Die Legenden, die von Helden erzählen / Dieses Kleinod, diese Wiege der Erde / Ist heute scheintot und liegt invalide im Sterben // Was die Ahnen einst erschufen mit Blut, Schweiß und Tränen / Voller Leidenschaft und Geisteskraft in hunderten von Leben / Ist zerschunden, verschwunden in wenigen Jahrzehnten / Verraten und verkauft von seelenlosen Hyänen // Ich seh’ romanische, gotische, klassizistische Bauten / Langsam zerfallen zu ’nem toten abgerissenen Haufen / Und alle Werte so wie Ehre, Stolz und Identität / Sind restlos entfernt und aus Geschichtsbüchern draußen // Europa weint, Europa schreit / Nach dem Ende der Wende / Es ist an der Zeit zum Verteidigen des Eigenen / Macht euch bereit und reicht euch die Hände in Einigkeit / Das junge Europa muss aufstehen, aufdrehen, rausgehen, die Faust heben / Bis es alle Anderen auch sehen / Tochter des Phoenix, entsteige der Glut / Du musst leben, du bist unser heiliges Gut. (…) // Wir müssen uns wehren / Schnell, sonst ist es zu spät / Denn unsere Gegner vernichten die ethnokulturelle Kontinuität / Wir stehen auf, l‘Europe libéré!“ (Source: https://muzikum.eu/en/komplott/europa-komplott-lyrics).
In diesen Zeilen wird der von Oswald Spengler bezogene „Untergang des Abendlandes“ (1929) beschworen: Europa, ein Hort der Kreativität und des Heldenmuts, liege im Sterben angesichts fremder Einflüsse, die seine kulturelle Identität auslöschen. Dieses Europabild bezieht sich gleich zu Beginn auf Rom, das Zentrum des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“, also eines historisch lange vergangenen Staatsmodells, das nicht mit der Europäischen Union oder gar demokratischen Nationalstaaten vereinbar ist. Die Vergangenheit („romanisch, gotisch, klassizistisch“) steht für eine vermeintlich bessere Version Europas. Das heutige Europa sei geplündert von „seelenlosen Hyänen“: Hier scheint ein rechter Antikapitalismus durch, der als Pforte zwischen rechten und linken Weltbildern fungieren kann. Die Metaphorik des Aasfressers (ebenso wie des Vampirs) ist zudem anschlussfähig für antisemitische Stereotypen, die aus den angeblichen „Protokollen der Weisen von Zion“, Basis einer globalen Verschwörungstheorie, bezogen wurden. Allerdings ist zu betonen, dass diese Bezüge erst in einer kontextuellen Deutung möglich werden. Der Text selbst vermeidet menschenverachtende und rassistische Konkretisierungen, wie sie sonst aus dem Rechtsrock bekannt sind. Vielmehr geht es um ein Platzieren von Codes in einem Kontext von diffuser Europa-Nostalgie, die durch Aussagen von Thilo Sarrazin zeitgleich auch in der Mitte der Gesellschaft akzeptiert wird. Am explizitesten ist bei Komplott der Aufruf zum Aktivismus im Refrain, eine klare Kampfansage an den fremden Einfluss, denn „die Gegner vernichten die ethnokulturelle Identität“. Konkret bemerkt man hier einen historisch basierten Europa-Mythos, der betont unzeitgemäß platziert wird – als Alternative zum aktuellen Europa, das vor allem wirtschaftlich, nicht kulturell definiert ist. Widerstand sei nötig gegen jeden Einfluss, der die „ethnokulturelle Identität“ bedrohe – hier fällt es schwer, kein völkisches Weltbild zu erkennen, das Eigenes und Fremdes differenziert und hierarchisiert. Mit der „Europäischen Identität“ wird „Schöpferkraft“, „Leidenschaft“ und „Ehre“ und „Stolz“ verbunden. Vage schimmert ein bildungsbürgerlich geschultes Ideal durch, wobei nie deutlich wird, ob der Verfasser wirklich an Goethe und Schopenhauer geschult ist. Das „Land der Dichter und Denker“ („was die Ahnen einst erschufen“) bleibt diffus. Wichtiger ist hier ein vages Wunschbild. Der Schlüsselbegriff bleibt „Identität“. Zudem ist fraglich, in welchen geografischen oder kulturellen Grenzen dieses Europa gedacht ist. Steht „Europa“ letztlich für ein herbeigesehntes „Großdeutschland“?
Das Lied „Europa“ von Komplott gibt einen Eindruck, wie die „Kontrakultur“ der „Identitären Bewegung funktioniert: Als popkulturelle ansprechend verpackter Traum von einer „ethnokulturellen“ Monokultur. Das eigentliche Feindbild ist die multikulturelle Gesellschaft, die nicht nur unterschiedliche Ethnien, sondern auch unterschiedliche kulturelle Modelle ermöglicht. So geht es am Ende auch nicht mehr vor allem um Herkunft oder Hautfarbe, sondern um eine kulturelle Prägung, die entweder kompatibel sei oder nicht. Dies ist der Kern des „Ethnopluralismus“, wie er von den neurechten Bewegungen (im Gegensatz zu den offen rassistischen Neonazikameradschaften) propagiert wird. Gerade dieser Schwenk hin zur „kulturellen Identität“ als Fokus macht dieses neue Gesicht des Rechtsextremismus‘ nicht nur akzeptabel für das bildungsbürgerliche Weltbild, sondern durchaus attraktiv für den gebildeten Nachwuchs an Gymnasien und Universitäten, der zum anvisierten Klientel der Identitären Bewegung zählt.
3. Die Wurzeln der Neuen Rechten
Doch wo liegen die Wurzeln dieser sich avanciert und anspruchsvoll gebenden neurechten Bewegung? Dazu muss man sich zunächst die Quellen der Vordenker dieser Szene ansehen (von Alain de Benoist zu Götz Kubitschek). Wichtig erscheint die „Konservative Revolution“ der Zwischenkriegsjahre, wie sie Armin Mohler in seiner gleichnamigen Dissertation aufarbeitete (Mohler 1949/2005). Er zeigt, wie die Schriften von Ernst Jünger, Oswald Spengler und Ernst von Salomon eine alternative rechte Weltsicht zu jener der Nationalsozialisten inspirierten. So lehnt man dort noch heute historische Personen wie Adolf Hitler oder Alfred Rosenberg („Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts“, 1930) explizit ab, bewundert aber deren rechte Gegner wie Stefan George, die Brüder Jünger oder Graf Schenk von Stauffenberg. Einen deutlichen Einblick in die Idee „konservativer Revolution“ als Vorbild für die neurechte Bewegung der Gegenwart findet sich in den Schriftensammlungen der Verlage des Thule Seminars um Pierre Krebs und in der Schriftenreihe des Antaios Verlages aus Schnellroda.
Ein weniger bekannter Vordenker tauchte 1968 in Frankreich auf. Dort formulierte Yann Fouré das Konzept eines „Europas der 100 Flaggen“. Yann Fouréts Idee des „L’Europe aux cent drapeaux“ ist ein Konzept, das 1968 im gleichnamigen Manifest entstand und später von Teilen der Neuen Rechten, insbesondere der Identitären Bewegung, rezipiert und ideologisch vereinnahmt wurde. Fouré war selbst Mitglied der französischen extremen Rechten. Er forderte ein Europa, das nicht entlang staatlicher oder nationalstaatlicher Linien organisiert ist, sondern sich in ethnokulturelle Regionen gliedert – jede mit ihrer „eigenen Flagge“. Gemeint sind also regionale, „ethnisch reine“ Einheiten wie Bretagne, Baskenland, Tirol oder Südtirol, die sich aus seiner Sicht vom homogenen Nationalstaat emanzipieren und ihre eigene „Volksidentität“ frei entfalten sollen. Kulturelle Homogenität innerhalb der Regionen war also der wichtige Aspekt. Jede Region soll „authentisch“ bleiben, also keine Vermischung von Kulturen oder Ethnien erfahren. Dazu kommt die Ablehnung des Nationalstaats, denn Nationalstaaten gelten Fouré als künstliche, zentralistische Konstrukte, die regionale Identitäten unterdrücken. Daraus entstehe die Europäische Konföderation der Völker. Fouré stellt sich ein föderales Europa vor, das aus autonomen, aber kulturell homogenen Gemeinschaften besteht. Fouré stellte bereits „Ethnopluralismus“ über Universalismus: Jede Kultur soll in ihren eigenen Grenzen bestehen – ohne Vermischung, aber gleichwertig nebeneinander.
Die Nouvelle Droite (insbesondere Alain de Benoist) griff diese Idee auf und entwickelte daraus das explizite Konzept des „Ethnopluralismus“ – ein scheinbar harmloser Begriff, der kulturelle Vielfalt beschwört, in Wirklichkeit aber für räumliche Trennung und faktische Ausgrenzung steht. Die Identitäre Bewegung verwendet Fourés Europa-Modell, um ihre Ablehnung von Migration und Multikulturalismus zu legitimieren. Dabei wird Vielfalt rhetorisch verteidigt – aber nur als voneinander getrennte Vielfalt. Wie viele Konzepte der Neuen Rechten wirkt Fourés Modell auf den ersten Blick kulturfreundlich und dezentral, ist jedoch ausgrenzend und biologistisch konzipiert. Es ignoriert soziale Realität, Mobilität, historische Vermischungen und individuelle Lebensentwürfe. In der heutigen Rezeption durch die Neue Rechte dient es als ideologischer Unterbau für Remigrationsfantasien und anti-demokratische Gesellschaftsbilder.
Ebenfalls aus Frankreich stammt der philosophisch geschulte Autor Alain de Benoist selbst, der als intellektueller Mitbegründer der „nouvelle droite“ gilt, die wiederum eine Wurzel der deutschsprachigen Neuen Rechten ist. De Benoist wurde durch das Kasseler Thule Seminar von Pierre Krebs auch in der deutschen rechten Szene umfassend rezipiert. Er definierte in zahlreichen Schriften ein Programm, aus dem die neurechte Identitäre Bewegung ihre Werte bezog: Globalisierung, Multikulturalismus, speziell der Islam und außereuropäische Migration werden radikal abgelehnt. Kulturelle Identität wird als Schlüssel zu einem Erstarken begriffen, während Homogenisierung der Gesellschaft als kultureller Tod gilt. Dazu zählt auch die ‚ethnische Durchmischung’. Auf diese Weise kann de Benoists Tendenz als eine reaktionäre Antwort auf die permissiven Tendenzen der 1968er-Bewegung gesehen werden, deren heutige Ausläufer als „Kulturmarxismus“ diffamiert werden.
Inspiriert von den metapolitischen Konzepten des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, zielt die heutige Identitäre Bewegung nicht primär auf unmittelbare Wahlerfolge ab, sondern auf die langfristige Beeinflussung des gesellschaftlichen Diskurses. Der Begriff Metapolitik wird von dem Vordenker der Nouvelle Droite, Guillaume Faye, als die „gesellschaftliche Verbreitung von Ideen und kulturellen Werten mit dem Ziel einer tiefgreifenden, langfristigen politischen Transformation“ (Faye 2024) definiert.
Ein wichtiges strategisches Mittel der Identitären Bewegung besteht in der medienwirksamen symbolischen Besetzung öffentlicher Räume durch eine jeweils geringe Zahl von Aktivistinnen. Die bislang größte derartige Aktion war die Kampagne „Defend Europe“ im Jahr 2017. Über Crowdfunding sammelten Aktivistinnen mehr als 178.000 US-Dollar, um ein Schiff im Mittelmeer zu chartern. Ziel war es, gerettete Migrantinnen und Migranten zurück nach Afrika zu bringen, das Vorgehen anderer NGO-Schiffe in libyschen Gewässern zu beobachten und diese gegebenenfalls der libyschen Küstenwache zu melden. Ironischerweise erlitt das Schiff einen Motorschaden und musste schließlich von einem jener NGO-Schiffe gerettet werden, deren Aktivitäten es ursprünglich überwachen wollte. In ihrer visuellen Selbstdarstellung bedienen sich europäische Identitäre bei diesen Aktionen häufig eines gelben Lambda-Symbols, das auf Poloshirts und Aufnähern verbreitet ist. Wie lässt sich diese Selbstdarstellung herleiten?
4. Neurechte Popkultur und ihre Symbole
Populäre Kultur speist sich in Teilen aus mythischen Strukturen – auch und gerade in ihren ideologisch destruktiven Varianten. Mythische Strukturen können kulturstiftende Urerzählungen sein, Heldengesänge und ortsbezogene Mythen, die in klassischer Form oder in moderner Transformation vorkommen. Bei näherer Betrachtung speist sich gerade die neurechte Jugendkultur aus solchen Quellen, um an Vertrautes anzuknüpfen und es ideologisch neu aufzuladen.
Die Identitäre Bewegung (IB) ist eine rechtsextreme politische Bewegung, die ursprünglich in Frankreich entstand und ab 2012 auch in Deutschland und Österreich aktiv wurde. Sie geht auf die „Génération Identitaire“ zurück, eine Gruppe junger französischer Aktivistinnen und Aktivisten, die sich als Teil einer europaweiten „identitären“ Strömung versteht. Diese Bewegung beruft sich ideologisch auf das Konzept des „Ethnopluralismus“, das zwar kulturelle Differenz betont, aber letztlich rassistische Tendenzen aufweist. Ihr zentraler Slogan „Defend Europe“ („Verteidigt Europa“) bringt dieses Weltbild auf den Punkt.
In Österreich gründete sich die deutschsprachige Identitäre Bewegung offiziell im Jahr 2012, deutlich inspiriert von französischen und italienischen („Casa Pound“) Vorbildern. Einer ihrer bekanntesten Köpfe ist Martin Sellner, der sich als medienaffiner Aktivist inszenierte und großen Wert auf eine jugendliche, moderne Außendarstellung legte. Die Gruppe nutzte soziale Medien geschickt, um ihre Botschaften zu verbreiten, und zeigte sich in provokativen Aktionen, etwa bei Störaktionen an Universitäten oder bei Demonstrationen gegen Migration. Besonders bekannt wurde eine Aktion im Jahr 2016, bei der Mitglieder ein Gebäude der Grünen Partei in Graz erklommen und ein Banner mit der Aufschrift „Islamisierung tötet“ entrollten.
In Deutschland folgte der Aufbau der Bewegung ab 2014, wobei sie hier enger unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz stand. Die deutsche IB wurde unter anderem durch rechte Aktivisten wie Daniel Fiß bekannt. Auch sie setzte auf öffentlichkeitswirksame Aktionen, zum Beispiel die symbolische „Grenzbesetzung“ an der deutsch-österreichischen Grenze oder Auftritte bei Veranstaltungen, die Migration kritisieren. Ziel war es stets, ein junges, aktionsbereites Bild einer angeblich „patriotischen“ Bewegung zu zeichnen, die sich von klassischen Neonazi-Strukturen absetzt, aber ideologisch ähnliche Ziele verfolgt.
Die Identitäre Bewegung sieht sich selbst als Teil eines „kulturellen Widerstands“ gegen eine vermeintliche „Umvolkung“ Europas – ein Begriff, der aus rechtsextremen Kreisen stammt und eine angeblich systematisch betriebene Ersetzung europäischer Bevölkerungen durch Migranten beschreibt. Dieses Narrativ speist sich aus der „Großer-Austausch“-Verschwörungstheorie, die insbesondere durch französische und später auch US-amerikanische Rechtsextreme popularisiert wurde. Obwohl sich die IB nach außen hin betont gewaltfrei gibt und sich vom historischen Nationalsozialismus distanziert, bleibt sie durch ihre Ideologie und ihr Auftreten fest im rechtsextremen Spektrum verankert. In Deutschland wird sie seit 2016 vom Verfassungsschutz beobachtet, in Österreich ebenfalls seit mehreren Jahren. Ihre Bedeutung ist in beiden Ländern in den letzten Jahren zwar zurückgegangen – nicht zuletzt durch interne Konflikte, Ermittlungen und das wachsende öffentliche Bewusstsein für rechtsextreme Tendenzen –, doch wirken ihre Narrative weiterhin in sozialen Medien und in Teilen der Neuen Rechten nach. Die IB stellt damit weniger eine klassische Partei oder Organisation dar als vielmehr ein ideologisches Netzwerk, das gezielt jüngere Menschen ansprechen will und sich als kulturelle Avantgarde eines neuen Nationalismus inszeniert. In vielen Fällen dient sie als Einstiegsplattform in ein breiteres rechtsextremes Milieu, das sich zunehmend professionalisiert und europäisch vernetzt. Wie klassische Rassisten behaupten auch die Ethnopluralisten der IB, es gebe grundsätzliche und unveränderliche Eigenschaften von Menschengruppen – und jede Gruppe sei umso besser und stärker, je ähnlicher sich ihre jeweiligen Angehörigen seien. Dabei vermeiden Ethnopluralisten aber biologistische Argumentationen, eine Abstammungsgemeinschaft oder genetische Homogenität wird von ihnen nicht mehr offen gefordert. Stattdessen behaupten sie, Völker besäßen unveränderliche kulturelle Identitäten, die vor fremden Einflüssen zu schützen seien. Dass sämtliche menschliche Kulturen das Ergebnis gegenseitiger Beeinflussung sind, wird dabei völlig ausgeblendet.
Das verbreitete Gruppen-Logo der Identitären ist das Lambda-Symbol, ein gelber Winkel auf schwarzem Grund, der durch die US-Verfilmung des Comics 300 von Frank Miller populär wurde. 300 erzählt die Geschichte von 300 Spartanern, die unter Einsatz ihres Lebens gegen ein Heer tausender persischer Feinde kämpfen. In Anlehnung an diese Heldentaten verstehen sich die Identitären als einsame Verteidiger der „abendländischen Kultur“, die aus ihrer Sicht vom Islam (synonym die Perser im Film) bedroht wird. Die Identitären fordern daher, dass „Werte wie Tradition, Heimat, Familie, Kultur, Volk, Staat, Ordnung oder Schönheit wieder zu positiven, erstrebenswerten Begriffen“ werden, wie es im Manifest der Identitären Bewegung Deutschlands (IBD) heißt (zit. n. BPB https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500787/identitaere-bewegung/).
Das Lambda-Symbol (Λ) hat eine vielschichtige ikonografische Bedeutung, die bewusst mythisch aufgeladen ist und strategisch zur politischen Selbstdarstellung eingesetzt wird. Seine Verwendung ist kein zufälliges Stilmittel, sondern Teil einer ideologisch motivierten Bildsprache. Das Lambda steht ursprünglich für „Lakedaimon“, den antiken griechischen Namen für die Stadtstaatenregion Sparta. In historischen Darstellungen tragen die spartanischen Krieger dieses Zeichen auf ihren Schilden. Es symbolisiert dort Einheit, Disziplin und kriegerische Tapferkeit eines kleinen, entschlossenen Volkskörpers, der sich einer übermächtigen „fremden“ Invasionsmacht (den Persern) entgegenstellt. Für die Identitären wird Sparta so zum politischen Mythos: Ein Modell für den Kampf einer kulturell „reinen“ Elite gegen äußere Bedrohung und innere Dekadenz. Das Lambda fungiert als Signum des Widerstands, der Opferbereitschaft und der kollektiven Identität. Im Kontext der IB steht das Lambda nicht nur für Kampfbereitschaft, sondern vor allem für ethnopluralistische Weltbilder. Die Bewegung deutet es als Zeichen für eine „wehrhafte kulturelle Identität“, die es gegen Globalisierung, Migration und kulturelle Hybridität zu verteidigen gelte. So wird das Zeichen zum Logo einer imaginierten Festung Europa, deren kulturelle Reinheit behauptet und geschützt werden soll.
Als grafisches Symbol ist das Lambda minimalistisch, einfach reproduzierbar und visuell sofort erkennbar – ideal für Sticker, Graffiti, T-Shirts, Flaggen oder Social Media. Es erfüllt damit zentrale Kriterien moderner politischer Markenbildung: Wiedererkennung, emotionale Aufladung und mediale Anschlussfähigkeit. Insgesamt ist das Lambda-Symbol ein Beispiel für die bewusste Aufladung von Zeichen durch historische Referenzen, Popkultur und politische Mythologisierung – im Dienste einer neuen, visuell orientierten Rechten.
5. Frank Millers Comic und Zack Synders Film 300 als identitäres Narrativ
Der Film 300 (2006) spielt eine zentrale Rolle in der Selbstdarstellung der Identitären Bewegung (IB), da er ein ästhetisch aufgeladenes, heroisches Narrativ bietet, das die Kernideologie der IB visuell und emotional verstärkt. In diesem Film werden die 300 spartanischen Krieger unter König Leonidas als letzte Bastion der westlichen Zivilisation inszeniert, die sich einer übermächtigen Invasionsmacht – dem persischen Heer – entgegenstellen. Diese binäre Darstellung von ‚heldenhaften Verteidigern‘ gegen ‚fremde, außereuropäische Bedrohung‘ entspricht genau der Erzähllogik, die die IB in ihrem politischen Weltbild propagiert. Die IB stilisiert sich als kulturelle Elite oder „Widerstand“, der wie die Spartaner Europa vor dem vermeintlichen Untergang durch „Überfremdung“ retten muss. Die historische Vorlage – die Schlacht bei den Thermopylen – wird dabei bewusst simplifiziert und neu mythologisiert. Der Kampf einer kleinen, mutigen Minderheit gegen eine übermächtige Masse ist ein identitärer Gründungsmythos, den der Film 300 mit großem ästhetischem Gestus bebildert.
300 inszeniert hierzu hypermaskuline Körper, Disziplin, Härte und Kameradschaft – alles zentrale Werte in der Selbstinszenierung der IB. Die Darstellung der Spartaner als disziplinierte Krieger, die bereit sind, ihr Leben für ‚Heimat und Volk‘ zu opfern, dient der IB als visuelles Ideal männlicher Identität. Das ist Teil einer neurechten Gegenkultur, die sich gegen Verweichlichung, Feminismus und Liberalismus positioniert. Das Blutopfer für die gemeinsame Sache wird zum nicht erwiderbaren Tausch in einer demokratischen Gesellschaft, die den Freitod vermeidet und Gewalt als Mittel tabuisiert hat.
Die Verwendung des griechischen Lambda-Symbols durch die IB geht direkt auf die Schilde der Spartaner im Film (und der historischen Vorlage) zurück. Auch Parolen wie ‚Molosse‘ oder ikonische Posen aus dem Film tauchen in der IB-Propaganda wieder auf. Der Film fungiert somit nicht nur als Inspirationsquelle, sondern als ästhetischer Code, der Identität stiftet und Zugehörigkeit signalisiert. Im Film 300 werden die Perser zudem als dekadent, effeminiert, irrational und übermächtig dargestellt – ein kolonial-rassistisches Feindbild, das in rechtsextremen Kreisen leicht auf heutige Migrationsdebatten übertragen wird. Die IB bedient sich dieser Darstellung, um ein ‚Wir gegen die‘-Narrativ zu konstruieren, in dem Europa (bzw. ‚das Eigene‘) rein, heroisch und wehrhaft erscheint, während das Fremde als Bedrohung codiert wird.
Insgesamt fungiert der Film 300 für die Identitäre Bewegung als Mythenschmiede, visuelles Vorbild und ideologisches Echo. Er liefert nicht nur eine emotional wirksame Erzählung, sondern auch einen stilisierten Heldenmythos, der politisch instrumentalisiert wird – insbesondere für Rekrutierung, Radikalisierung und Selbstvergewisserung innerhalb der Szene.
Eine symbolische Bildanalyse aus dem Film 300 offenbart, wie gezielt visuelle und ästhetische Mittel eingesetzt werden, um eine politische Botschaft zu transportieren – und warum genau diese Inszenierungen für Bewegungen wie die Identitäre Bewegung anschlussfähig sind.
In vielen Szenen stehen die Spartaner eng aneinandergeschmiegt in ihrer Schildformation (Phalanx). Diese Bilder symbolisieren Disziplin, Geschlossenheit und kollektive Wehrhaftigkeit. Die Kamera betont die Symmetrie und Bewegung der Einheit als lebendigen Körper. Für die IB wird das zur Metapher: der ‚Volkskörper‘ muss geschlossen, stark und homogen sein, um sich gegen äußere Bedrohungen behaupten zu können.
Die Hauptfiguren sind durchweg überhöht inszeniert: durchtrainierte, halbnackte Männerkörper im Gegenlicht, mit Blut und Schweiß überzogen, oft in Zeitlupe dargestellt. Diese Ästhetik steht symbolisch für Opferbereitschaft, Vitalität, Askese und Kampfeswille – Eigenschaften, die die IB als Idealbilder für ihre ‚neue Jugend Europas‘ propagiert. Gleichzeitig wirken diese Bilder fast übermenschlich, was den Heldenmythos zusätzlich auflädt.
Der Film nutzt dabei stark bearbeitete Farbpaletten: ein erdiger Sepia-Ton durchzieht das Bild, ergänzt von blutroten Akzenten und goldenem Licht auf den Körpern der Helden. Diese Farbsymbolik evoziert historische Tiefe, Ehre, Blutopfer und göttliches Licht. Im Gegensatz dazu erscheinen die Feinde – die Perser – oft in düsteren Blau-, Grau- oder Schwarz-Tönen, was das klassische Hell gegen Dunkel-Narrativ stützt.
Eine der bekanntesten Szenen ist der Moment, in dem Leonidas den persischen Gesandten in den Abgrund stößt. Diese Szene ist nicht nur visuell dramatisch, sondern symbolisiert den radikalen Bruch mit Kompromiss und Diplomatie – eine klare Entscheidung für den Kampf. Die Boten kommen bereits mit den abgeschlagenen Köpfen der vormals Besiegten an. Sie drängen Leonidas zur Kapitulation. Doch der Herrscher lässt sich nicht einschüchtern: Legitimiert durch den Blick seiner Königin reflektiert er noch kurz über das Land, die Familie und die Krieger, um dann den Boten in den Abgrund zu treten: „Das ist Sparta!“ In der Interpretation der IB ist das ein Aufruf zum Widerstand um jeden Preis, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit oder demokratische Aushandlungsprozesse.
Xerxes, der persische König, wird hyperfeminin, mit Schmuck und androgynen Zügen gezeigt. Diese Darstellung dient als symbolisches Gegenbild zur spartanischen Männlichkeit: feminin, dekadent, fremd. Die IB liest hierin eine Warnung vor vermeintlichem kulturellem Verfall, Gender-Debatten oder moralischer Schwäche, die sie dem Westen zuschreibt.
Diese symbolische Bildsprache verleiht dem Film eine politische Lesbarkeit, die weit über Unterhaltung hinausgeht. Sie bietet visuelle Archetypen für Identität, Opfer, Feind und Heimat, die von Gruppen wie der IB bewusst aufgegriffen und politisch umgedeutet werden.
6. Fazit
Die Ideologie der Identitären Bewegung (IB) ist tief in rechtsextremen Denkmustern verankert, obwohl sie sich äußerlich von klassischem Neonazismus distanziert. Ihre zentrale Idee, der sogenannte Ethnopluralismus, wird von der Bewegung als vermeintlich harmloser Kulturbegriff präsentiert, ist bei näherer Betrachtung jedoch ein codierter Rassismus. Laut dieser Ideologie sollen Kulturen strikt voneinander getrennt bleiben, da eine Vermischung angeblich zu Identitätsverlust und kulturellem Verfall führe. In der Praxis bedeutet das: Menschen mit nicht-europäischer Herkunft sollen aus europäischen Gesellschaften ausgeschlossen oder zurückgeführt werden – unabhängig davon, ob sie seit Generationen Teil dieser Gesellschaften sind.
Ein zentrales ideologisches Element ist die „Großer-Austausch“-Verschwörungstheorie. Sie behauptet, dass politische Eliten – oft mit antisemitischen Untertönen – eine bewusste Ersetzung der europäischen Bevölkerung durch Migrantengruppen betrieben. Diese Theorie entbehrt jeder faktischen Grundlage, ist jedoch ein gefährliches ideologisches Bindeglied zwischen rechtspopulistischen Parteien, neurechten Denkern und militanten Rechtsextremen. Sie wurde auch von mehreren Attentätern, etwa in Christchurch (Neuseeland) oder El Paso (USA), als Begründung für ihre Taten herangezogen.
Die IB propagiert zudem eine Art kulturellen Pessimismus: Sie sieht Europa als dekadent, schwach und fremdgesteuert. In dieser Rhetorik schwingen anti-feministische, anti-pluralistische und autoritäre Vorstellungen mit. Demokratie wird zwar formal nicht abgelehnt, aber durch eine Rhetorik der „Volksgemeinschaft“ unterlaufen, die suggeriert, dass nur bestimmte Bevölkerungsgruppen ein legitimes Mitspracherecht haben.
Besonders effektiv wie bedenklich ist die strategische Inszenierung der Bewegung. Sie präsentiert sich als jugendlich, friedlich und intellektuell, um sich von klassisch rechtsextremen Gruppen abzugrenzen und Anschlussfähigkeit zu erzeugen – etwa zu konservativen oder bürgerlich-nationalen Milieus. In Wahrheit sind die ideologischen Schnittmengen mit offen rassistischen und völkisch-nationalistischen Bewegungen jedoch erheblich. Insgesamt ist die Ideologie der IB ein Versuch, extrem rechtes Denken neu zu verpacken – unter dem Deckmantel von Identität, Kultur und Heimatliebe. Diese Strategie macht sie besonders anschlussfähig und gefährlich für die demokratische Gesellschaft, weil sie systematisch Ängste schürt, Diskurse verschiebt und das Fundament der pluralistischen Demokratie angreift.
Die Identitäre Bewegung (IB) hat sich gezielt popkultureller Stilmittel bedient, um sich von traditionellen rechtsextremen Gruppierungen abzugrenzen und für ein junges, medienaffines Publikum attraktiv zu wirken (Winter 2022). Dieser Versuch, rechtsextreme Inhalte im popkulturellen Gewand zu präsentieren, macht die IB zu einem herausragenden Beispiel für die Ästhetisierung des politischen Extremismus. Statt in Springerstiefeln und Bomberjacken tritt die IB in hippen Frisuren, mit stylischem Auftreten, professionellen Videos und Social-Media-Kampagnen auf. Dabei nutzt sie Ästhetiken aus der Skate-, Gaming-, Tech- oder Fitnesskultur, kombiniert mit einer Bildsprache, die an Werbekampagnen erinnert. Ihr Ziel ist es, einen Kulturkampf im digitalen Raum zu führen und die Narrative der Neuen Rechten viral zu verbreiten.
Auf YouTube, Instagram oder Telegram inszeniert sich die IB als rebellische, intellektuelle Bewegung – eine „Gegenkultur“, die vermeintlich gegen den Mainstream kämpft. Popkulturelle Codes wie Memes, Musik (z. B. neurechte Rap-Formate), oder Anspielungen auf Fantasy- und Gaming-Welten (z. B. „Verteidiger Europas“) dienen dazu, politische Botschaften subtil oder ironisch zu vermitteln. Dieses Vorgehen wirkt bewusst anschlussfähig: Junge Menschen, die sich vielleicht nur für kulturelle Identität oder Heimat interessieren, werden so schrittweise an radikale Inhalte herangeführt – ein Prozess, den man als Radikalisierung durch Style beschreiben kann.
Dabei adaptiert die IB erfolgreich Techniken der Werbeindustrie und Social-Media-Influencer: Videos sind hochwertig produziert, die Sprache ist modern und ironisch, die Botschaften werden in Form von Hashtags oder Challenges vermittelt. Diese Strategie macht sie besonders gefährlich, da sie rechtsextremes Gedankengut ästhetisch legitimiert und normalisiert – ohne dass dies auf den ersten Blick auffällt.
Letztlich nutzt die IB Popkultur nicht nur als Vehikel zur Verbreitung ihrer Ideologie, sondern auch als Schutzschild (Rosenfeld 2020): Wer sie kritisiert, steht schnell im Verdacht, humorlos oder nicht mehr offen für Meinungsvielfalt zu sein. Diese Ironisierung politischer Inhalte erschwert die klare Abgrenzung und öffnet den Raum für schleichende Normalisierung von Diskriminierung und Ausgrenzung.
Ein markantes Beispiel für die visuelle Ästhetik der Identitären Bewegung ist ihre konsequent durchgestylte Bildsprache, die auf Professionalität, Klarheit und Emotionalisierung setzt – ganz ähnlich wie moderne Werbekampagnen oder Influencer-Marken. Dabei lassen sich mehrere typische Merkmale erkennen:
Der Lambda-Buchstabe als ein bewusst gewähltes Bild heroischer Verteidiger gegen eine invasive Übermacht. Die Farbkombination Schwarz-Gelb wirkt auffällig, martialisch und hat Signalwirkung, ohne direkt mit klassisch neonazistischer Symbolik assoziiert zu werden. Die IB nutzt vorwiegend ästhetisch ansprechende, kontrastreiche Bilder. Gruppenbilder zeigen junge, durchtrainierte Männer und Frauen mit entschlossener Mimik, meist in Schwarz gekleidet. Oft werden diese Bilder in Naturkulissen (Berge, Wälder, Grenzgebiete) oder vor historischen Monumenten aufgenommen – das betont Heimatverbundenheit und kulturelle Identität. Diese ästhetisierte Männlichkeit dient der Inszenierung von Stärke, Disziplin und Opferbereitschaft. Ihre Videos sind oft mit dramatischer (Film-)Musik unterlegt, beinhalten Drohnenaufnahmen, Zeitlupen, moderne Typografie und Schwarz-Weiß-Ästhetik – vergleichbar mit professionellen Imagefilmen oder Kampagnenvideos aus dem Fitness- oder Lifestylebereich. Inhalte werden klar strukturiert, emotional erzählt und mit Pathos aufgeladen. Die Videos enden oft mit einem Call-to-Action („Werde Teil des Widerstands“, „Schütze deine Heimat“). Auf Instagram und Telegram werden gezielt Memes, Infografiken oder Mini-Videos eingesetzt, um Narrative wie „Großer Austausch“, „Verteidige Europa“ oder „Remigration“ in jugendlicher Sprache zu verbreiten. Die Designs sind schlicht, plakativ und verwenden oft kontrastreiche Typografie mit klaren Slogans – bewusst anschlussfähig an andere Subkulturen wie Streetwear, Gaming oder Verschwörungsgruppen. Ein wichtiges Merkmal ihrer visuellen Strategie ist dabei die klare Abgrenzung vom klassischen Skinhead- oder Neonazi-Stil. Stattdessen wirken IB-Aktivisten wie hippe Start-up-Gründer oder politische Lifestyle-Blogger. Diese visuelle Codierung soll Seriosität und Intellektualität vermitteln – ein bewusstes Täuschungsmanöver, um ideologische Inhalte zu verschleiern.
Literaturverzeichnis
Monografien
EBNER, JULIA: Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neune Technologien nutzen und uns manipulieren. München [Droemer] 2019
MOHLER, ARMIN: Die konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Ein Handbuch. Zugleich Dissertation Basel 1949. Graz [Ares Verlag] 2005
ROSENBERG, ALFRED: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. München [Hoheneichen] 1930
WINTER, AARON: Online Hate and the Alt-Right. Affect, Labour, and thePolitics of Exclusion. London [Routledge] 2022
Sammelbände
HÄUSLER, ALEXANDER (Hrsg.): Die Identitären. Ideologie und Aktionen der neuen Rechten in Europa. Münster [Unrast] 2016
SCHELLHÖH, JENNIFER; JO REICHRTZ; VOLKER M. HEINS (Hrsg.): Großerzählungen des Extremen. Neue Rechte, Populismus, Islamismus, War on Terror. Bielefeld [Transcript] 2018
Beiträge aus Sammelbänden
BATZER, JAN: Zur Ästhetik der Identitären Bewegung. In: Boehnke, L.; M. Thran; J. Wunderwald (Hrsg.): Rechtspopulismus im Fokus. Wiesbaden [Springer VS] 2019, S. 115–134
Beiträge aus Zeitschriften
ROSENFELD, JEAN LOUP: Die Ästhetik des Widerstands. Die Ikonografie der Identitären Bewegung. In: Ästhetik & Kommunikation, 180, 2020, o.S.
STIGLEGGER, MARCUS; CARSTEN HEINZE: Das Spiel mit dem Feuer. Religiosität, Okkultismus, Esoterik, Spiritualität und der Bezug zu nationalsozialistischen/faschistischen Ideologien im rechtsoffenen Musik-Underground. In: Zeitschrift für Rleigion, Geschichte und Politik, 5, 2021, S. 531–556
Artikel aus dem Internet
FAYE, GUILLAUME: Die Herausforderung der multirassischen Gesellschaft. In: Ahnenrad.org, 17.6.2025. https://ahnenrad.org/2024/01/02/guillaume-faye-die-herausforderung-der-multirassischen-gesellschaft/ (20.8.2025)
N.N.: Dossier Rechtsextremismus. In: Bundeszentrale für Politische Bildung, 2020. https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500787/identitaere-bewegung/ (18.6.2025)
Biografie
Prof. Dr. Marcus Stiglegger lehrt Film- und Kulturwissenschaft in Regensburg und Ludwigsburg. Studium der Ethnologie, Film- und Theaterwissenschaft in Mainz; Dissertation zum Thema Geschichte, Film und Mythos (SadicoNazista. Geschichte – Film – Mythos, Hagen: Eisenhut 2014, 3. Auflage.); Habilitation zum Thema Seduktionstheorie des Films (Ritual & Verführung, Berlin: Bertz + Fischer 2006); Forschungsgebiete Autorentheorie (Kurosawa. Die Ästhetik des langen Abschieds, München: Edition Text + Kritik 2015), Genretheorie (Handbuch Filmgenres, Wiesbaden: Springer VS 2019) und Seduktionstheorie des Films (Film als Medium der Verführung. Einführung in die Seduktionstheorie, Wiesbaden: Springer VS 2023). Podcast: Projektionen – Kinogespräche. Info: stiglegger.de.
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Citation
Marcus Stiglegger: “Festung Europa”. Vom Mythos Sparta zur popkulturellen Rezeption in der Neuen Rechten. In: IMAGE. Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, Band 43, 9. Jg., (1)2026, S. 48-62
ISSN
1614-0885
DOI
10.1453/1614-0885-1-2026-16816
First published online
Februar/2026
