Mythos und Bildkritik: Erzählungen im Zeitalter digitaler Kommunikation Einleitung

Von Lars C. Grabbe

Erzählungen bilden eine anthropologische Grundkonstante kultureller Praxis. Sie dienen nicht nur der Beschreibung von Lebenswelten, sondern verleihen diesen zugleich Sinn, strukturieren soziale Ordnungen und stiften individuelle wie kollektive Identität. Bereits vor der Fixierung durch mediale Speicherungen zirkulierten mythische Erzählungen in mündlicher Form. Die in Keilschrift überlieferten Tontafeln des Gilgamesch-Epos markieren einen frühen Höhe­punkt dieser Entwicklung, während prähistorische Fels- und Höhlenbilder noch ältere visuelle Spuren mythischer und symbolischer Narration bewahren. Narrative sind damit untrennbar an mediale Konfigurationen gebunden. Ihre Gestalt und Funktion resultieren aus spezifischen Zeichenformationen, techni­schen Bedingungen und kulturellen Konstellationen. Erzählungen treten in je konkrete Rezeptionskontexte ein, nehmen Form in historischen Materialitäten an und entfalten ihre Wirkung über kreative Produktionsstrategien ebenso wie über soziale Verwendungsweisen.

Im aktuellen theoretischen Diskurs rückt zunehmend das Verhältnis von crossmedialen Ästhetiken und postmodernen Mythenmaschinen in den Fokus. Unter crossmedialen Ästhetiken lassen sich Verfahren der Narration ver­stehen, die sich nicht mehr an ein einzelnes Medium binden lassen, sondern in transmedialen, multimodalen und intermedialen Strukturen zirkulieren. Sie konsti­tuieren sich durch ästhetische Strategien, Wahrnehmungsmodalitäten und technische Apparaturen, die analoge wie digitale Umgebungen umfassen. Mythenmaschinen hingegen bezeichnen Prozesse, in denen Narrative zwischen Faktizität und Fiktion oszillieren, sich in medialen Apparaturen sedimentieren und in sozialen wie politischen Kontexten neue Wirkmächtigkeit entfalten.

Besonders deutlich tritt diese Dynamik derzeit in den digitalen Öffentlichkeiten sozialer Medien zu Tage, obgleich sie nicht auf diese beschränkt bleibt, sondern sich durch alle Medienformen und Inhalte hindurch – mit nahezu histor­ischer Evidenz – beobachten lässt. Mythen werden im medialen und globalen Kontext nicht nur tradiert, sondern zugleich neu produziert, transformiert und durch ästhetische Logiken beschleunigt und kulturell verankert. Medienproduktionssysteme fungieren als Dispositive, in denen faktische, fiktive und hybride Narrative visualisiert, performt und auch interaktiv reaktualisiert werden. Dies wirft weitere Forschungsfragen nach den generellen ästhetischen Formen und kommunikativen Medienstrategien auf: Welche Akteure treiben die Mythenkommunikation voran (z. B. Autor*innen, Plattformen, Produktions­ästhetiken und -systeme etc.)? Welche gestalterischen Prinzipien prägen diese hybriden Narrative (Autor*innen-Intentionen, visuelle Rhetoriken, mediale Stile etc.)? Welche Eigenlogiken der analogen und digitalen Medienkultur begünstigen die Ausbildung neuer Mythopoetiken?

Der hier vorgeschlagene analytische Rahmen, in Verbindung mit den vielfältigen Akzentuierungen der Autor*innen, begreift crossmediale Ästhetiken als Schnittstelle von Medium, Wahrnehmung und Materialität. Erzählungen erscheinen hier nicht als autonome Sinngebilde, sondern als strukturierte und teils normative Praktiken, die sich in Artefakten, medialen Ökologien und sozialen Dynamiken verkörpern. Zugleich machen die postmodernen Mythenmaschinen sichtbar, wie Erzählungen im Zeitalter digitaler Kommunikation politisch, ästhetisch, kulturell und epistemisch wirksam werden. Damit eröffnet sich ein Feld der Bildkritik, das sich zwischen Medientheorie, Kultur- und Kunst­geschichte und Kommunikationsanalyse verortet und die Neubestimmung narrativer und mythopoetischer Praktiken im postfaktischen Zeitalter fordert.

Thomas Hirschhorns künstlerische Intervention Fake it, Fake it – till you Fake it untersucht die Möglichkeiten künstlerischer Praxis im Spannungsfeld von analogem Raum und digitaler Transformation. Ausgangspunkt ist die Frage, wie Kunst angesichts von Gewalt, Zerstörung und gesellschaftlicher Fragmentierung wirksam bleiben kann. Hirschhorn entwickelt hierzu das Konzept einer „prekären Skulptur“ aus Karton, die Objekte wie Computer oder Kreditkarten nachbildet. Die bewusste Materialwahl verweist auf Fragilität und Widerstand zugleich. Zentral ist die Auseinandersetzung mit dem Silicon-Valley-Credo „Fake it till you make it“. Hirschhorn radikalisiert dieses Prinzip, indem er „Faken“ als Strategie nutzt, um das „Fake-Utopische“ digitaler Kulturen offenzulegen. Entscheidend ist dabei seine Unterscheidung zwischen „Fake“ und „Lüge“: Fiktion wird als produktive Praxis verstanden, Täuschung abgelehnt. Die Arbeit markiert so eine künstlerische Intervention, die Fragen nach Wahrheit, Virtualität und Bildkritik neu verhandelt und den Konflikt zwischen analoger Materialität und digitaler Ideologie sichtbar macht.

Mit Bilder der Nachhaltigkeit: Crossmediale Effekte und urbane Zeitdimensionen untersucht Christiane Wagner die Rolle audiovisueller Narrative bei der Darstellung von Nachhaltigkeit in urbanen Kontexten. Im Zentrum steht die Frage, wie Medien – analog wie digital – Empathie und Verständnis für die wechselseitige Abhängigkeit von Stadt und Natur erzeugen und zugleich neue Formen zeitgenössischer Mythenmaschinen hervorbringen. Analysiert werden crossmediale Effekte, die physische und virtuelle Räume verknüpfen und Wahrnehmung, Wissen sowie die Differenzierung von Fakten beeinflussen. Methodisch stützt sich die Studie auf eine qualitative Analyse der Wechselwirkungen zwischen digitaler Technologie, audiovisuellen Narrationen und ihren ästhetischen wie ethischen Bedeutungen. Besondere Aufmerksamkeit gilt den zeitlichen Dimensionen der Bildwirkung, der Rolle künstlicher Intelligenz in der Medienästhetik sowie dem Potenzial crossmedialer Strategien, Nachhaltigkeit als gesellschaftlich re­levante Leitkategorie zu legitimieren. Die zentrale Hypothese lautet, dass Bilder der Nachhaltigkeit durch ihre mediale Zirkulation öffentliche Handlungsfähigkeit stimulieren und so einen wesentlichen Beitrag zur Legitimation nach­haltiger Entwicklung leisten können.

Lars C. Grabbe diskutiert in Ufos, Skinwalker und sensorische Anomalien. Die Skinwalker Ranch als epistemisch-ästhetisches Reallabor non-faktischer Narrative die TV-­Serie The Secret of Skinwalker Ranch (TSOSR, seit 2020) als hybrides Format zwischen wissenschaftlicher Dokumentation, Reality-TV und narrativer Mythopoetik. Im Zentrum steht die These, dass die Serie nicht nur Unterhaltung bietet, sondern als epistemisch-ästhetische Wissensproduktion fungiert. Durch die Kombi­nation von Messdaten, audiovisueller Inszenierung und mythischen Rahm­ungen entsteht ein liminaler Erfahrungsraum, in dem Fakt, Fiktion und Mythos verschränkt werden. Die Analyse zeigt, wie filmische Strategien – etwa Infografiken, Sounddesign und visuelle Effekte – eine affektive Epistemologie erzeugen, die Wissen sinnlich erfahrbar macht und Anomalien als „Superzeichen“ codiert. Dadurch wird Wissenschaft weniger als rein kognitive Praxis, sondern als kulturell eingebettete und ästhetisch vermittelte Form sichtbar. TSOSR verweist auf eine Verschiebung epistemischer Legitimität im postfaktischen Zeitalter: Wissenschaftliche Autorität wird zugleich herausgefordert und neu inszeniert, während das Unerklärliche als mediales und kulturelles Phänomen erfahrbar bleibt.

In “Festung Europa”. Vom Mythos Sparta zur popkulturellen Rezeption in der Neuen Rechten reflektiert Marcus Stiglegger die ideologischen und kulturellen Grundlagen der Neuen Rechten in Europa, mit besonderem Fokus auf ihre Symbolik, Popkultur und metapolitische Strategien. Im Mittelpunkt steht die Analyse, wie spezifische mythische und religiöse Elemente in der Popmythologie der Identitären Bewegung verarbeitet werden, um ein radikal eurozentrisches und ethnopluralistisches Narrativ zu formen. Dabei betrachtet der Text sowohl historische Einflüsse wie die „Konservative Revolution“ und Vordenker wie Alain de Benoist und Götz Kubitschek, als auch die popkulturelle Ästhetik, die in Musikprojekten wie „Bastion“ Ausdruck findet. Die Analyse beleuchtet die Rolle symbolischer Codes und deren Kontextualisierung, die teils in antisemitischen Narrativen wurzeln, jedoch eine diffuse Europa-Nostalgie ansprechen. Ebenso werden die Spannungsfelder zwischen kulturhistorischen Bezügen, wie dem ideal­isierten „Land der Dichter und Denker“, und aktuellen politischen Diskursen aufgezeigt. Ziel ist es, die kulturelle und politische Anschlussfähigkeit neu­rechter Ideologien kritisch zu hinterfragen und zu dekonstruieren.

Elisabeth Sommerlad diskutiert in Post/Koloniales Paradies: Überlegungen zu crossmedialen Paradiesmythen am Beispiel von Mauritius kritisch postkoloniale Utopien und deren Herausforderungen für gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse. Ausgangspunkt ist die Frage, inwiefern die postkoloniale Theorie Räume kultureller und politischer Versöhnung eröffnet oder neue Spannungsfelder schafft. Dabei werden koloniale Machtstrukturen und deren Fortwirken in globalen Kontexten analysiert, ebenso wie der Versuch, durch Narrative von Emanzipation und Vielfalt alternative Gesellschaftsbilder zu entwerfen. Die Arbeit verbindet historische Verortung mit einer differenzierten Auseinandersetzung aktueller Dynamiken, um die diskursive Spannung zwischen Selbstbestimmung, kultureller Hybridität und dem Fortbestand kolonialer Denkmuster zu beleuchten. In diesem Spannungsfeld werden Strategien, Konflikte und Paradoxien untersucht, die in postkolonialen Ansätzen auftreten können. Ziel ist es, einen Beitrag zu leisten, der sowohl die Potenziale als auch die Grenzen dieser Utopien hervorhebt und Denkanstöße für einen kritischen Diskurs über globale Gerechtigkeit, kulturelle Identität und die Reflexion des kolonialen Erbes bietet.

In Von der Wut zum Spiel. Meat & Dress bei Jana Sterbak & Lady Gaga als Beispiele für einen Wandel im Storytelling im Selbstbild von Frauen vom faktischen zum postfaktischen Zeitalter analysiert Martina Sauer die Rolle von Storytelling und narrativen Strukturen in zeitgenössischen kulturellen, sozialen und politischen Kontexten. Im Fokus steht die Untersuchung, wie Geschichten genutzt werden, um Identitäten zu formen, Werte zu vermitteln und kollektive Vorstellungen zu prägen. Erörtert werden sowohl klassische Narrative als auch moderne Formen des Geschichtenerzählens, die digitale Medien, audiovisuelle Formate und interaktive Plattformen einbeziehen. Besonderes Augenmerk liegt auf der Ästhetik und Emotionalität, die sich gezielt für die Mobilisierung oder Manipulation von Zielgruppen einsetzen lässt. Die Arbeit beleuchtet, wie Storytelling nicht nur Unterhaltungszwecken dient, sondern bewusst als Werkzeug in politischen und ideologischen Debatten eingesetzt wird, um Wirklichkeiten zu konstruieren. Ziel dieser Analyse ist es, die Mechanismen, Chancen und Risiken moderner narrativer Praktiken kritisch zu hinterfragen und ihre Bedeutung für die Formung gesellschaftlicher Diskurse und kultureller Dynamiken aufzuzeigen.

Gerald Dagit widmet sich in Nationale Gründungsmythen und ihre postfaktische Metamorphose in der aktuellen Kriegspropaganda der kritischen Analyse von Filmformaten und audiovisuellen Narrativen im modernen medialen Diskurs. Im Zentrum steht die Untersuchung, wie audiovisuelle Medien spezifische kulturelle und soziale Werte transportieren und dabei neue Formen des Geschichtenerzählens erschaffen. Am Beispiel von Émeric Lhuissets Fotoserie „Theater of War“, die kurdische Kämpfer in inszenierten Szenen zeigt, wird untersucht, wie historische und kulturelle Symbole neu interpretiert werden, um gesellschaftliche Identität und Widerstandskraft zu visualisieren. Ein weiteres Beispiel ist Lhuissets fotografische Adaption von Ilja Repins Kosakengemälde, das in der aktuellen politischen Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine als Symbol kultureller Resilienz und Selbstbehauptung eine zentrale Rolle spielt. Der Text analysiert, wie visuelle Medien historische Tiefe mit gegenwärtiger Dringlichkeit verbinden und dabei nicht nur Geschichten erzählen, sondern Realität konstruieren. Ziel ist es, die Funktion und Wirkung solcher Inszenierungen in Zeiten medialer, politischer und militärischer Konflikte zu reflektieren und die Herausforderungen einer visuellen Mythenbildung im postfaktischen Zeitalter kritisch zu beleuchten.

Abschließend thematisiert der Artikel Spiegelwelt innerhalb von Spiegelwelten – Tranquility Lane als selbstreferenzielles Reflexionsgeschehen von Paul Wiersbinski den Aspekt „Tranquility Lane“ aus dem Videospiel Fallout 3 und dessen narrative und ästhetische Vielschichtigkeit. „Tranquility Lane“ bricht mit der dystopischen Spielwelt des Ödlands, indem es eine scheinbar idyllische Simulation präsentiert, die sich jedoch als perfides Werkzeug der Kontrolle und Manipulation offenbart. Die Analyse fokussiert auf die Metanarrative der virtuellen Realität, in der der Wissenschaftler Stanislaus Braun die Simulation erschafft, um die teil­nehmenden Figuren zu tyrannisieren. Themen wie Macht, Kontrolle und Identität werden in den moralischen Entscheidungen des Spielers sichtbar, der zwischen sadistischen Aufgaben und alternativen Lösungen wählen muss, um der virtuellen Utopie zu entkommen. Mit Bezügen zur Psychoanalyse und philosophischen Fragen nach Authentizität und Simulation wird gezeigt, wie „Tranquility Lane“ die Grenzen zwischen Realität und Fiktion reflektiert. Ziel ist es, die Narrative als Kommentar auf die Logik virtueller Welten und deren tieferliegende gesellschaftliche Implikationen zu dekonstruieren.


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Citation

Lars C. Grabbe: Mythos und Bildkritik: Erzählungen im Zeitalter digitaler Kommunikation. Einleitung. In: IMAGE. Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, Band 43, 9. Jg., (1)2026, S. 2-6

ISSN

1614-0885

DOI

10.1453/1614-0885-1-2026-16808

First published online

Februar/2026