›Le Corancan‹. Sprechende Beine
Von Klaus H. Kiefer | Mit den Mitteln der Körper- und Kleidersprache nimmt Nick Walkers Graffito Le Corancan 2010 Stellung zur ›loi anti-burqa‹ Frankreichs. Die mit einem Niqab verschleierten Tänzerinnen schwingen nach Art des French Cancan die Beine, wobei sie Dessous in den französischen Nationalfarben enthüllen. Die abgespreizten ›naturnahen‹ Beine durchkreuzen die beiden opponierenden Kulturen. Integrieren oder negieren sie diese? Erweist sich die zur Schau gestellte Sexualität der Musliminnen als Bedrohung, oder liegt hier ein emanzipatorischer Akt der Entschleierung vor? – Nick Walker lässt die Zeichen tanzen. Er verkoppelt die elementaren Reiz-Reaktionsmuster des Geschlechtsverkehrs mit ideologischen Fragestellungen, und er lenkt dabei auch den Blick auf die Entstehung des Cancan zurück. Dieser mutierte vom anarchischen Volksvergnügen (das bis zu primitiven Stammestänzen zurück zu verfolgen ist) zum ›infernalischen Schlussgalopp‹ in Offenbachs Orphée aux enfers und dann zum voyeuristischen Amüsement des dekadenten Bourgeois im Moulin Rouge. – Der Cancan hat mit dem Paradeschritt, der im Deutschen ›Stech-schritt‹ heißt, im Englischen aber ›goose step‹, im Französischen ›pas de l’oie‹ (beides bedeutet ›Gänseschritt‹), nicht nur das geschwungene gestreckte Bein gemeinsam, das die anatomisch bedingte Gangart der Gänse und Enten imi-tiert. Etymologisch rührt ›Cancan‹ selber vermutlich vom kindersprachlichen ›cancan‹ – für ›canard‹ (frz. Ente) – her. Zwischen Monty Python-Komik, sexueller Konnotation und militärischer Ästhetik entfaltet die prostitutive Geste vor den Alpha-Männchen oder solchen, die sich dafür halten, nach wie vor ihre Wirkung.
